Olivier Duhamel (r.) soll seinen Stiefsohn missbraucht haben. Frédéric Mion (l.) gab zu, das seit Jahren gewusst zu haben, und trat als Präsident der Elite-Uni Sciences Po zurück.  Foto: AFP/Ulysse Bellier

Frankreich ist wütend. Seit den Enthüllungen der Juristin Camille Kouchner über ihren bekannten Stiefvater brachen im Land zahlreiche Opfer sexualisierter Gewalt in Familien ihr Schweigen, die mutmaßlichen Täter aus der Pariser Elite von Politik und Gesellschaft stehen unter Druck. Es geht nicht nur um Inzest, sondern auch um Pädophilie oder sexuelle Übergriffe unter Studierenden. Die Vorwürfe kommen mit solcher Wucht, dass die Regierung nicht mehr die Füße stillhalten kann.

Kouchner, leibliche Tochter von Ex-Außenminister Bernard Kouchner, beschuldigt in ihrem Buch „Die große Familie“ ihren Stiefvater Olivier Duhamel (70), vor über drei Jahrzehnten gegenüber ihrem minderjährigen Zwillingsbruder sexuell übergriffig geworden zu sein.  Der sozialistische Politiker und Jurist ging  nicht direkt auf die Vorwürfe ein, legte aber seine Funktion in der Elite-Uni Sciences Po nieder.  

In der Pariser Intellektuellen-Elite sollen die Missbrauchsvorwürfe bekannt gewesen sein – und über lange Jahre dezent ignoriert worden sein. Was folgte, waren weitere Rücktritte – zuletzt nahm der Direktor der Sciences Po, Frédéric Mion, seinen Hut. Er musste einräumen, dass er schon vor Jahren von Vorwürfen gegen Duhamel wusste.

Mit ihrem Buch „Die Zustimmung“ trat die Verlegerin Vanessa Springora 2020 die erste Welle der Wut los. Foto:  dpa/Sabine Glaubitz

Die Verlegerin Vanessa Springora hatte bereits 2020 mit Vorwürfen gegen den gefeierten Schriftsteller Gabriel Matzneff (84) Pädophilie in der Literatur- und Intellektuellenszene angeprangert – mit 50 habe er sie als 14-Jährige zu seiner Geliebten gemacht und sexuell ausgebeutet. Bis vor einem Jahr wurden seine Bücher verkauft, in denen er Pädophilie pries. Der Schock saß tief, nachdem in den Jahrzehnten davor Kritik lächerlich gemacht worden war. 

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Doch nun brachten Kouchners Enthüllungen das Fass zum Überlaufen, im Netz teilen Opfer unter dem Schlagwort #MetooInceste ihre Missbrauchserfahrungen innerhalb ihrer Familien. Das Umfrageinstituts Ipsos schätzt, dass zehn Prozent der Franzosen, mehrheitlich Frauen, Opfer von Inzest waren oder sind. Die aktuellen Vorwürfe beschäftigen auch die Justiz.

An einer Wand in Paris steht „Duhamel und die anderen, Ihr werdet niemals Frieden haben!“ Foto: AP/dpa/Francois Mori

In Frankreich kann Sex mit unter 15-Jährigen milde oder gar nicht bestraft werden, wenn das Gericht feststellt, dass das Kind in der Lage war, in die sexuelle Beziehung einzuwilligen. Das will die Regierung nun ändern und ein „Schutzalter“ einführen. „Ein Akt der sexuellen Penetration, der von einem Erwachsenen an einem Minderjährigen unter 15 Jahren durchgeführt wird, wird als  Vergewaltigung gewertet werden“, erklärte  Justizminister Eric Dupond-Moretti.  Zuvor hatte Präsident Emmanuel Macron Druck gemacht.

Vielen geht das nicht weit genug. „Nachdem die Opfer Kraft und Mut gefunden haben, die Augen der Gesellschaft weit zu öffnen, können Sie (...) nicht die Einzigen bleiben, die sie teilweise verschließen“, heißt es in einem  Brief an die Regierung, den etwa Sängerin Carla Bruni, Schauspielerin Juliette Binoche und Fußball-Nationaltrainer Didier Deschamps unterzeichneten. 

Doch der Aufschrei geht über das bisherige Tabuthema Inzest hinaus. Zuletzt berichteten Studentinnen von sexualisierter Gewalt an der Sciences Po. Unter dem Hashtag #SciencesPorcs – ein Wortspiel mit dem Wort für Schwein – prangern sie sexistisches Verhalten und sexuelle Gewalt bis hin zur Vergewaltigung an und werfen der Uni vor, die Täter – Kommilitonen und Professoren – zu schützen.