Donald Trump war gerade beim Golfspielen, als ihn die Nachricht von seiner Niederlage erreichte: Sein Rivale Joe Biden, so verkündeten es die TV-Sender, habe nach einer tagelangen Hängepartie die umkämpfte Präsidentschaftswahl gewonnen. Trump, der zweifellos umstrittenste Präsident der jüngeren amerikanischen Geschichte, wäre demnach abgewählt. Die Reaktion des Amtsinhabers war allerdings kämpferisch: „Die Wahl ist noch lange nicht vorbei.“

Der 74-Jährige stemmt sich mit aller Macht gegen seine Abwahl – es drohen unruhige Wochen und Monate. Die Demokraten, so behauptet der Präsident, wollten ihm die Wahl „stehlen“. Trump hofft auf die Mobilisierung seiner Anhänger und auf die Unterstützung des von ihm immer noch beherrschten Machtapparats in Washington.

Als Bidens Sieg verkündet wird, steht Donald Trump auf dem Golfplatz. 
Foto: Steve Helber/AP/dpa

Allerdings hat der Präsident schlechte Karten: Bis jetzt gibt es keinerlei handfeste Beweise für Wahlbetrug. Die Demokraten, die die vergangenen vier Jahre damit zugebracht hatten, Russland ohne jeglichen Beweis der Wahlmanipulation zu bezichtigen, wiesen den nun von Trump erhobenen Vorwurf entrüstet von sich – auch Russland wurde bisher noch nicht erwähnt.

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Selbst Trumps engste Vertraute haben ein Problem mit dem Thema: Sein Anwalt Rudy Giuliani lieferte zwar eine rhetorisch amüsante Verteidigungsrede. Er konnte aber auch keine überzeugenden Fakten vorlegen, sondern verlor sich in historischen Betrachtungen, wonach es in Pennsylvania immer schon Wahlbetrug gegeben habe.

Auch für den von Trump-Leuten dominierten Supreme Court dürfte es schwer werden, die Wahl zugunsten von Trump noch einmal umzudrehen, wenn nicht bald Tatsachen auf den Tisch kommen. Die neuen Richter am Höchstgericht gelten als unabhängige Köpfe, von denen nicht zu erwarten ist, dass sie eine politische Gefälligkeitsentscheidung abliefern werden.

Fox News distanziert sich von Trump

Sicherstes Indiz einer Absetzbewegung ist der Sender Fox News, der Trump fallenzulassen scheint und Biden wie den gewählten Präsidenten behandelt. Die glühenden Trump-Unterstützer Sean Hannity und Tucker Carlson wirken im Sender isoliert. Die Republikaner dürften sich noch bedeckt halten: Im umkämpften Senat droht ein Patt. Die Entscheidung in Georgia fällt im Januar – bis daher werden die Republikaner versuchen, dem Volkstribun Trump nicht in den Rücken zu fallen.

Man will seine Wähler haben, und die haben dem umstrittenen Präsidenten insgesamt trotz all seiner Ausritte einen überraschend hohen Zuspruch beschert. Die Republikaner wollen sich daher von ihrem einzigen Zugpferd nicht voreilig distanzieren.

Trump ist noch bis zum 20. Januar formell im Amt. Seine Befugnisse in der Übergangszeit sind jedoch sehr eingeschränkt. Die Wochen bis dahin dürften dennoch ruppig verlaufen. Allerdings hat Trump schon durchklingen lassen, dass auch eine Niederlage möglich sei: Nach der Wahl sagte er, Verlieren sei immer bitter – auch für ihn. Zuvor hatte er eine Niederlage für unmöglich erklärt.

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Auch international rücken seine Unterstützer von ihm ab. Großbritanniens Premierminister Boris Johnson hat Joe Biden und Kamala Harris überraschend schnell zu einem „historischen Erfolg“ gratuliert. „Die USA sind unser wichtigster Verbündeter“, schrieb Johnson am Sonnabendabend auf Twitter. Er freue sich auf eine enge Zusammenarbeit bei den gemeinsamen Prioritäten, vom Klimawandel bis hin zu Handel und Sicherheit.

Viktor Orban hat Biden gratuliert

Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban hat ebenfalls bereits gratuliert. Dies bestätigte ein Sprecher Orbans am Sonntag gegenüber der staatlichen Nachrichtenagentur MTI. Orban habe Biden einen Brief geschickt, in dem er ihm zum erfolgreichen Präsidentschaftswahlkampf gratuliert habe, sagte der Sprecher. „Zur Bewältigung Ihrer außerordentlich verantwortungsvollen Aufgaben wünsche ich Ihnen gute Gesundheit und fortwährende Erfolge“, zitierte der Sprecher aus dem Brief.

Orban hatte sich in der Vergangenheit mehrfach ausdrücklich zu Trump bekannt. In einem Rundfunk-Interview am vergangenen Freitag hatte er sich noch die Anschuldigungen Trumps zu eigen gemacht, wonach das Ergebnis der US-Wahl auf massivem Wahlbetrug beruhen würde. „Würde so etwas bei uns passieren, würden Himmel und Erde einstürzen“, hatte Orban gesagt.

In Indien wurde das Wahlergebnis ebenfalls gefeiert – vor allem wegen der künftigen Vize-Präsidentin Kamala Harris, die indische Wurzeln hat. Ministerpräsident Narendra Modi schrieb auf Twitter, Harris sei eine Quelle „großen Stolzes“. Trump hatte Indien besucht und Modi immer als großen Freund bezeichnet.