Markus Söder und Horst Seehofer fordern nun einen zügigen Gang in den Lockdown. Foto: imago images/Eibner

Bundesinnenminister Horst Seehofer warnt davor, im Kampf gegen das Coronavirus mit einem Lockdown bis nach Weihnachten zu warten. „Die einzige Chance, wieder Herr der Lage zu werden, ist ein Lockdown, der aber sofort erfolgen muss“, sagte der CSU-Politiker dem Spiegel. „Warten wir bis Weihnachten, werden wir noch Monate mit den hohen Zahlen zu kämpfen haben.“

Lockdown einzige Chance, Herr der Lage zu werden

Seehofer zeigte sich verärgert über die derzeitige Situation. Er habe richtig Wut im Bauch, sagte der Minister. Der Vorteil, den sich Deutschland im Frühjahr in der Pandemie erkämpft habe, sei verspielt. Das liege nicht an der Disziplinlosigkeit der Bürger, stellte Seehofer klar, „sondern vor allem an unzureichenden Maßnahmen“.

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Auch die Landesregierung von NRW will nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur auf einen bundesweiten Lockdown noch vor Weihnachten dringen. Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) werbe dafür, mit den Einschränkungen sogar früher zu starten als die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina vorgeschlagen habe, hieß es.

Er wolle ein klares, wirksames Signal, um die Zahl der Neuinfektion spürbar zu senken, da die ernste Lage jetzt konsequentes Handeln verlange. Nach dem Willen der NRW-Regierung solle es „schnellstmöglich“ eine Konferenz der Ministerpräsidenten geben, in der ein möglichst zügiger bundesweiter Lockdown vereinbart werde.

Auch NRW und Bayern für schnellen Lockdown

Auch Bayerns Landeschef Markus Söder (CSU) drängt in Richtung Blitz-Lockdown: „Wir müssen handeln und zwar so schnell wie möglich“, sagte der CSU-Chef bei einem Termin mit Gesundheitsminister Jens Spahn. Bund und Länder müssten nun überlegen, die Ferien vorzuziehen und auch Geschäfte früher zu schließen. „Ein Tag weniger verschlechtert nicht die Lebensqualität, er kann aber helfen.“

Voraussichtlich am Sonntag wollen die Ministerpräsidenten der Länder erneut über verschärfte Maßnahmen beraten. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD), der auch Vorsitzender der Ministerpräsidentenkonferenz ist, sagte am Donnerstagabend, es zeichne sich ab, auch in den Gesprächen mit den Kollegen der Bundesländer, „dass ab 20. es doch erhebliche Einschnitte gibt“ und der Einzelhandel „deutlich“ heruntergefahren werde.

Länder beraten am Sonntag über Verschärfungen

Die Schulferien hätten dann ohnehin begonnen, viele Menschen gingen nicht mehr arbeiten und im Nahverkehr werde es ruhiger. „Zwischen dem 20. Dezember und 10. Januar haben wir praktisch drei Wochen massiver Einschränkungen, die auch mit Sicherheit auch dazu führen werden, dass die Inzidenzen runtergehen“, sagte Müller in der ZDF-Sendung Markus Lanz.

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Die Zahlen der gemeldeten Corona-Neuinfektionen und Todesfälle in Deutschland binnen eines Tages haben einen Höchststand erreicht. Die Gesundheitsämter übermittelten innerhalb von 24 Stunden 29.875 neue Infektionen, wie aus Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) von Freitagmorgen hervorgeht.

Das sind mehr als 6000 mehr als am Vortag, als mit 23.679 Fällen ebenfalls ein Rekord erreicht worden war. Außerdem meldete das RKI am Freitag mit 598 neuen Todesfällen den zweiten Höchstwert binnen kurzer Zeit. Der bisher höchste Tagesstand von 590 Toten war am Mittwoch erreicht worden.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach mahnte wegen der erschreckenden Zahlen zur Eile. „Einen harten Lockdown erst nach Weihnachten starten zu lassen, wäre zu wenig und zu spät. Wir brauchen bereits in der kommenden Woche diesen bundesweiten, möglichst harten Lockdown inklusive Schulschließungen“, sagte Lauterbach der Rheinischen Post. Der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, mahnte im Interview des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND): „Angesichts der aktuell sehr hohen Todeszahlen und einer unverändert hohen Belastung in den Kliniken müssen wir die Kontakte schnell und deutlich reduzieren.“

Sorgen um das Weihnachtsgeschäft macht sich der Einzelhandel. Der Hauptgeschäftsführer des Handelsverband Deutschland (HDE), Stefan Genth, forderte in der Welt im Fall von Ladenschließungen Entschädigungen „analog zur Gastronomie in den Monaten November und Dezember“. Ansonsten komme es zu einem Flächenbrand in den Innenstädten, warnte Genth.

Bereits jetzt haben einige Bundesländer auf die erschreckend hohen Infektions-Zahlen reagiert:

Thüringen: Die rot-rot-grüne Landesregierung beschloss in einer Sondersitzung unter anderem Ladenschließungen ab dem 19. Dezember und Distanzunterricht auch ab der ersten Klasse vom 21. Dezember an.

Schleswig-Holstein: An Schulen wird es von Montag an ab der 8. Klasse keinen Präsenzunterricht mehr geben. Den Schülern der unteren Klassen werde empfohlen, zuhause zu bleiben, sagte Ministerpräsident Daniel Günther (CDU).
Auch Hotelübernachtungen für Verwandtenbesuche über Weihnachten sind entgegen einer früheren Entscheidung verboten. 

Sachsen: Schulen, Kitas, Horte und viele Geschäfte sollen bereits am Montag geschlossen werden. Geplant sind auch nächtliche Ausgangssperren zwischen 22 und 6 Uhr. Einkaufen soll von nächster Woche an nur innerhalb eines 15-Kilometer-Radius erlaubt sein.

Baden-Württemberg: Im Land steht nach Weihnachten bis mindestens 10. Januar ein  Lockdown an. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) will zur Not eine gemeinsame Lösung mit den Nachbarländern Baden-Württembergs anstreben, sofern keine bundeseinheitliche Lösung gefunden werden könne. Bereits ab Samstag, 12.12, gelten landesweit tagsüber Ausgangsbeschränkungen. Bürger sollen nur noch mit triftigem Grund das Haus verlassen dürfen, etwa zum Arbeiten und Einkaufen. Nachts gelten ebenfalls Ausgangsbeschränkungen. Die neuen Maßnahmen gelten laut dem Ministerpräsidenten zunächst für vier Wochen.