Marianna Vishegirskaya nach dem Bombenangriff in Mariupol – ihr Foto ging um die Welt. AP/Mstyslav Chernov

Eingehüllt in eine Bettdecke, die Stirn ist blutverkrustet, der Blick lässt den schweren Schock erahnen, den Marianna Vishegirskaya erlitten hat. Das Bild der hochschwangeren Frau, das am 9. März nach einem russischen Luftangriff auf eine Kinderklinik in Mariupol aufgenommen wurde, ging um die Welt. Marianna wurde eines der vielen Gesichter eines unmenschlichen Krieges.

Nun sprach die Frau aus der Ukraine, die aus der verwüsteten Entbindungsstation fliehen konnte, erstmals mit dem britischen TV-Sender BBC über ihre Erlebnisse. Und wie sie in die Mühlen der großen russischen Desinformationskampagne geriet. Denn nachdem sie die Bomben überlebt hatte, sah sich Marianna einem weiteren Angriff gegenüber – von Lügen und Hass, der sich gegen sie und ihre Familie richtete.

Die verletzte Marianna flieht aus der Klinik. Russland wirft ihr vor, die Aufnahmen seien inszeniert worden. AP/Evgeniy Maloletka

„Mein Bild wurde benutzt, um Lügen über den Krieg zu verbreiten“, erhebt Marianna Vorwürfe gegen Russland. Sie sei eine Schauspielerin, behauptete damals die russische Botschaft in London.

Aufgrund ihrer Vergangenheit als Influencerin, die für Kosmetika warb, kenne sich Marianna mit Make-up aus, hieß es weiter in einer Reihe von Tweets, die inzwischen gelöscht sind. Vor dem Krieg hatte Marianna Schönheitsprodukte in den sozialen Medien beworben, während ihr Mann Yuri im Asowstal-Stahlwerk arbeitete.

Das Foto vor dem Krankenhaus in Mariupol sei eine Fälschung gewesen, behaupteten russische Diplomaten weiter und warfen Marianna sogar vor, sie habe nicht eine, sondern zwei verschiedene Frauen „gespielt“. Auch im Netz wurde die Ukrainerin beschimpft. Es kursierten Behauptungen, sie hätte ihre blauen Flecken aufgemalt.

Hetzkampagne und Todesdrohungen

Daraufhin wurden Marianna und ihre Familie mit Hass-Kommentaren und Drohungen überhäuft, so die Ukrainerin im BBC-Interview: „Ich erhielt Drohungen, dass sie kommen und mich finden würden, dass ich getötet würde, dass mein Kind in Stücke geschnitten würde“, erinnert sich die 29-Jährige aus dem Donbass an die Hetzkampagne, die über sie hereinbrach.

„Es war wirklich beleidigend, all diese Anschuldigungen zu hören, denn ich habe das alles miterlebt“, sagt Marianna und berichtet der BBC-Reporterin, wie sie beim Angriff im März Schutz im Luftschutzkeller gesucht und sich dabei an Glassplittern verletzt hatte, was ihre blutenden Wunden auf dem Foto erklärt.

Zwei Tage nach dem Angriff brachte Marianna ihr Töchterchen Veronika auf die Welt. AP/Evgeniy Maloletka

Während sie vor dem Krankenhaus stand und darauf wartete, ihre Sachen zu holen, wurde sie von Journalisten der Associated Press (AP) fotografiert. Sie nahmen Marianna erneut auf, als sie die Treppe hinunterstieg und aus dem Gebäude floh.

Prorussischer Aufpasser war beim Interview dabei

Für Marianna ist deshalb nicht die russische Propaganda-Maschinerie, sondern die Fotoagentur Schuld an der Hetzkampagne. „Ich war beleidigt, dass die Journalisten, die meine Fotos in den sozialen Medien gepostet hatten, keine anderen schwangeren Frauen interviewt hatten, die bestätigen konnten, dass dieser Angriff wirklich stattgefunden hatte“, wirft sie Associated Press vor.

Dass die Influencerin nicht direkt Russland kritisiert, könnte aber auch daran liegen, dass sie inzwischen in einem von prorussischen Kräften besetzten Gebiet lebt. Auch während des Interviews mit der BBC war ein prorussischer Aufpasser dabei.

Am 11. März, zwei Tage nach der verheerenden Attacke in Mariupol hatte Marianna ihre Tochter Veronika in einem anderen Krankenhaus zur Welt gebracht. „Sie hat sich entschieden, in einer schwierigen Zeit aufzutauchen“, sagt Marianna über ihr Töchterchen, „aber es ist besser, dass sie unter diesen Umständen angekommen ist, als gar nicht.“