Ein Einwohner der ukrainischen Stadt Lyssytschansk schaut sich sein zerstörtes Haus an. AFP/Aris Messinis

Der Rentner Jurij Krassnikow steht neben den verkohlten Überresten einer Bungalow-Siedlung in der ostukrainischen Stadt Lyssytschansk. Auch die Wohnblöcke gegenüber sind vom Krieg gezeichnet. Die Luft ist getrübt von einer Aschewolke, aufgestiegen über einer nahe gelegenen ausgebrannten Fachhochschule.

„Jeden Tag brennt etwas“

„Jeden Tag gibt es Bombenangriffe, jeden Tag brennt etwas“, sagt der 70-jährige Krassnikow, auf einen Gehstock gestützt. „Es gibt niemanden, der mir hilft“, klagt er. Er habe versucht, zur Stadtverwaltung zu gehen, „aber es ist niemand da, alle sind weggerannt“.

Tausende Zivilisten sind in den vergangenen Wochen aus den benachbarten Städten Sjewjerodonezk und Lyssytschansk geflohen. Geblieben sind vor allem ältere Menschen und deren Betreuer sowie Menschen, denen das Geld für einen Neuanfang in der Fremde fehlt.

Präsident Wolodymyr Selenskyj besuchte am 5. Juni die Soldaten in Lyssytschansk. Die Stadt ist heftig umkämpft. imago/Cover-Images

Der 19-jährige Iwan Sosnin ist wegen seiner gebrechlichen Großmutter in Lyssytschansk geblieben, wie er sagt. „Das ist unser Zuhause. Es ist alles, was wir kennen. Wir sind hier aufgewachsen. Wo sollen wir sonst hin?“ Seine Familie habe kein Geld, um irgendwo anders länger zu bleiben.

Lyssytschansk und Sjewjerodonezk sind die letzten Städte der Region Luhansk, die Russland noch nicht erobert hat. Nach ukrainischen Angaben war Sjewjerodonezk am Donnerstag bereits weitgehend unter russischer Kontrolle.

Yana Skakova und ihr Sohn Yehor sitzen in einem Zug während ihrer Evakuierung aus dem umkämpften Gebiet. dpa/Francisco Seco

Nach den Worten von Präsident Wolodymyr Selenskyj entscheidet sich sogar das Schicksal der gesamten ostukrainischen Donbass-Region in den heftig umkämpften Städten. „Dies ist eine sehr harte, sehr schwierige Schlacht“, sagte Selenskyj in einer Videobotschaft am Mittwochabend.

„Die Russen schießen auf alles, sie zerstören alle Häuser in Sjewjerodonezk, mit Panzern, mit Artillerie“, erklärte der Gouverneur der Region Luhansk, Serhij Gajdaj.

Lyssytschansk, auf der anderen Seite des Flusses Donezk gelegen, wird täglich von russischen Truppen bombardiert. Die Stadt sei „starken und chaotischen“ Bombardements ausgesetzt, beschrieb es Gouverneur Gajdaj. Er warf den russischen Truppen vor, „absichtlich“ auf Krankenhäuser und Zentren für die Verteilung humanitärer Hilfe zu zielen.

Serhij Lipko steht vor seinem schwer beschädigten Haus in Lyssytschansk. Er habe trotz der vorrückenden russischen Truppen bleiben wollen, sagt er. „In unserem Land arbeitet man sein ganzes Leben lang, um ein Dach über dem Kopf zu haben. Deswegen wollen wir nicht irgendwo hingehen, wo wir das nicht haben“, sagt Lipko. Viele Menschen hätten ihr hart erarbeitetes Wohneigentum nicht verlassen wollen.

Eroberung der Städte wäre fatal für Kriegsverlauf

Die Einnahme von Sjewjerodonezk und Lyssytschansk würde Moskau den Vormarsch auf die Großstadt Kramatorsk in der Region Donezk ermöglichen. Der Kreml käme damit seinem Ziel der vollständigen Eroberung des Donbass einen entscheidenden Schritt näher.

Auf einem spärlich bestückten Wochenmarkt in Lyssytschansk will Wadym Schwez trotz der finsteren Aussichten die Hoffnung nicht aufgeben. „Keine Ahnung, was morgen passieren wird. Wir wissen nicht, ob wir überleben werden“, sagt er. „Natürlich, wir hoffen das Beste.“