Die Hilfsorganisation Amnesty International gab eine Aufnahme der Menschenrechts-Aktivistin Ludschain al-Hathlul aus Saudi-Arabien heraus. Foto: Marieke Wijntjes/Amnesty International/dpa

Riad/Berlin - Es ist drei Jahre her, dass Lina al-Hathlul (25) ihre Schwester Ludschain zum vorerst letzten Mal gesehen hat. Der Abschied vor ihrer Abreise aus Riad nach Brüssel muss unspektakulär gewesen sein, sie kann sich jedenfalls nicht mehr daran erinnern. Wie sollte Lina auch wissen, welches Schicksal Ludschain danach widerfahren würde?

Mittlerweile ist Linas Schwester zum Symbol für das Leid geworden, das Aktivisten im ultra-konservativen Königreich Saudi-Arabien droht, wenn sie gegen das Herrscherhaus aufbegehren. Über Jahre kämpfte Ludschain al-Hathlul dafür, dass Frauen auch in dem Land Auto fahren dürfen, das an diesem Wochenende den virtuellen G20-Gipfel ausrichtet. 2013 zeigte ein Video die junge Frau auf dem Weg vom Flughafen der Hauptstadt nach Hause. Trotz Fahrverbots steuerte sie lachend einen Wagen. Ihr Vater filmte auf dem Beifahrersitz.

Ludschain al-Hathlul widersetzte sich dem Fahrverbot für Frauen und postete Videos von sich am Steuer in sozialen Medien. Screenshot: YouTube

Seit mehr als zwei Jahren dürfen Frauen nun in Saudi-Arabien ans Steuer, doch Ludschain al-Hathlul muss das im Gefängnis miterleben. Im Mai 2018 ließ die Führung eine Reihe von Frauen und Männern festsetzen, die für Menschenrechte kämpfen, darunter die jetzt 31-Jährige. Bis heute sitzt sie unter Vorwürfen in Haft, die ihre Schwester für hanebüchen hält. Ihr werde zur Last gelegt, an internationalen Konferenzen teilgenommen sowie Kontakt mit Diplomaten und Menschenrechtsorganisationen gehabt zu haben, erzählt Lina.

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Was die Schwester aus dem Gefängnis berichtet, klingt dramatisch. Ludschain sei immer wieder in Einzelhaft isoliert und gefoltert worden. Als ihre Eltern sie einmal besuchen durften, „da zitterte sie und konnte kaum gehen oder sitzen“, sagt Lina al-Hathlul. An den Oberschenkeln habe sie Spuren von Stromschlägen gehabt.

Persönlich überwacht worden sei die Folter von einem in Saudi-Arabien wohlbekannten Mann: Saud al-Kahtani. Er gilt als enger Vertrauter des mächtigen Kronprinzen Mohammed bin Salman und sein Name tauchte auch im Zusammenhang mit dem Mord an dem saudischen Journalisten Jamal Khashoggi auf. „Er hat Ludschain gefragt: Möchtest du lebenslänglich oder Todesstrafe?“, erzählt Lina.

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Chalid Ibrahim, Direktor des Gulf Centre for Human Rights (GCHR), berichtet, Ludschain al-Hathlul habe unterschreiben sollen, dass sie nie gefoltert worden sei. „Das hat sie abgelehnt“, sagt Ibrahim.

Kurz vor Beginn des G20-Gipfels erinnerte Amnesty International bei dieser Projektion in Paris an die inhaftierten Frauenrechtlerinnen wie Ludschain al-Hathlul (M.). Foto: Thomas Coex/AFP

Zehn Monate nach der Festnahme begann ein Prozess, abgeschottet von der Öffentlichkeit und ohne standesgemäßen Rechtsbeistand. Sein Ende ist völlig offen. Lina berichtet, wie sich der Zustand Ludschains in Haft immer weiter verschlechtert habe. Beim vorerst letzten Besuch der Eltern im Gefängnis sei sie schwach und ohne Hoffnung gewesen. Am 26. Oktober begann Ludschain einen Hungerstreik. Seitdem hat die Familie kein Lebenszeichen mehr von ihr erhalten. Tägliche Anrufe bei den Behörden seien vergeblich, sagt Lina: „Wir sind extrem besorgt.“

Hinter solchen Schicksalen verblassen für Menschenrechtler die vom Kronprinz vorangetriebenen Reformen, mit denen das Königreich Frauen mehr Freiheiten gewährt. Saudi-Arabien verwandele sich in einen Polizeistaat, klagt Lina al-Hathlul: „Niemand kann mehr offen sprechen, die Menschen haben Angst, das hatten wir so noch nie.“