Ein Polizist kontrolliert einen Pkw an einer Straßensperre am Ortseingang von Jessen. Foto: dpa

Jessen Rund 8000 Einwohner müssen in ihren Wohnungen oder Häusern bleiben, dürfen nur zur „Selbstversorgung mit lebensnotwendigen Gütern“ raus. Nach dem Ausbruch des Coronavirus in einem Pflegeheim in Sachsen-Anhalt stehen zwei Ortsteile der Stadt Jessen unter Quarantäne. In der Einrichtung hatten sich 16 Menschen mit dem lebensgefährlichen Erreger infiziert. Seniorenheime gelten in der Corona-Krise als besonders gefährdet, doch bisher fordern Mitarbeiter und Verbände vergeblich einen besseren Schutz für Bewohner und Personal.

8000 Bewohner sind in Quanrantäne

Seit Donnerstagmorgen um 7 Uhr kontrollieren Feuerwehrleute und Polizisten die Zufahrtsstraßen zu den Ortsteilen Jessen und Schweinitz, die Quarantäne ist bis zum 10. April angekündigt. Personen sei der Zutritt oder die Zufahrt nur gestattet, wenn sie dort ihren Haupt- oder Nebenwohnsitz haben und sich unverzüglich in die häusliche Quarantäne begeben. „Das Haus verlassen darf man, um sich auf kürzestem Wege etwas zu Essen zu holen oder in die Apotheke zu gehen“, sagte der Sprecher.

Anlass für die Maßnahmen ist ein Corona-Ausbruch in einem Pflegeheim. Von 16 Infizierten mussten bereits sechs ins Krankenhaus gebracht werden. In den beiden Stadtteilen in Jessen gibt es derzeit insgesamt 41 Corona-Infizierte. Als Auslöser für die Häufung gilt eine Feierrunde in einem Autohaus.

Schutz von Senioren in Heimen besonders schwierig

Der Corona-Alarm in Jessen war nicht der erste Ausbruch des Virus in einer Einrichtung für Senioren, auch in Würzburg steckten sich Bewohner des Seniorenheims St. Nikolaus an (wir berichteten), zehn von ihnen starben.
Der Schutz von Heimbewohnern, die als Risikogruppe auf engem Raum zusammenwohnen, ist besonders schwierig. „Mitarbeiter müssen trotz Schutzkleidung und Vorgaben dicht an die Bewohner heran, um Lebensmittel zu bringen, Medikamente zu geben oder Reinigung vorzunehmen. Deshalb können Mindestabstände dort nicht eingehalten werden“, sagte Würzburgs Oberbürgermeister Christian Schuchardt.

In der Altenpflege ist es kaum möglich, den nötigen Mindestabstand zu halten. Foto: dpa

Doch das größte Problem für den Umgang sowohl mit Bewohnern von Pflegeeinrichtungen als auch mit Patienten in Krankenhäusern sei der Notstand beim Material, etwa Atemschutzmasken und Schutzkleidung, mahnte der ärztliche Leiter des Universitätsklinikums Würzburg, Professor Georg Ertl dringend Hilfe an.

200.000 Betreuer für häusliche Pflege fehlen

Doch nicht nur die Pflege und Versorgung älterer Menschen in Einrichtungen, sondern auch zu Hause wird in der Corona-Krise täglich schwieriger. Aus Expertensicht drohen akute Engpässe, nicht zuletzt wegen der Schließung der EU-Binnengrenzen. Der Verband für häusliche Betreuung und Pflege (VHBP) warnte, dass nach Ostern bis zu 200.000 Betreuungskräfte aus Osteuropa fehlen könnten. „Wo sollen all die pflegebedürftigen Menschen bleiben, die derzeit zu Hause leben, wenn Betreuungshilfe wegbleibt? Die Alten- und Pflegeheime sind voll“, sagte VdK-Präsidentin Verena Bentele. Sie schlug vor, Kurzarbeit-Regelungen auf Angehörige auszudehnen. Dann könnten Berufstätige zeitweise aus dem Job aussteigen und wären abgesichert. Pflegebedürftige blieben in den eigenen vier Wänden.