Das vom russischen Verteidigungsministerium zur Verfügung gestellte Bild zeigt den Abschuss einer Interkontinentalrakete des Typs «RS-28 Sarmat» bei einem Test.
Das vom russischen Verteidigungsministerium zur Verfügung gestellte Bild zeigt den Abschuss einer Interkontinentalrakete des Typs «RS-28 Sarmat» bei einem Test. dpa

Abend für Abend, Tag für Tag bahnt sich der Irrsinn im russischen Staatsfernsehen freien Lauf: Die Diskussionsrunden auf dem ersten Kanal Rossija 1 scheinen auf den ersten Blick gar nicht unähnlich den Talkshows im Deutschen Fernsehen: Anne Will, Lanz oder Maybritt Illner.

Doch wovon die vermeintlichen Experten im russischen Staatsfernsehen faseln, ist Angriffskrieg, atomare Vernichtung, Rache. Noch verstörender als die Themen ist der Ton, den die Gäste anschlagen: Über die Auslöschung einer Millionenstadt durch eine russische Atomrakete wird gelacht. So geschehen gerade bei einer Talk-Runde anlässlich eines Raketentests.

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Dabei geht es um die Interkontintalrakete Sarmat, die Russland laut Ankündigung vom Samstag ab Herbst in Dienst stellen will. Am Mittwoch hatte Russland auf dem nordrussischen Weltraumbahnhof Plessetzk einen Testabschuss mit der Interkontinentalrakete durchgeführt. Präsident Wladimir Putin nutzte vor dem Hintergrund des Kriegs gegen die Ukraine den Raketenstart zu Drohungen gegen den Westen. Die Waffe könne alle Arten der Raketenabwehr überwinden und zwinge „jene zum Nachdenken, die im Feuereifer einer abgebrühten, aggressiven Rhetorik versuchen, unser Land zu bedrohen“, sagte er.

Russische Interkontinentalrakete Satan 2 mit Atomsprengköpfen soll ab Herbst einsatzfähig sein

Es gehe jetzt darum, die Raketentests zu einem vernünftigen Abschluss zu bringen, die Reichweiten zu regulieren und die Sarmat (Nato-Codename: SS-X-30 Satan 2) dann dem Militär zu übergeben, sagte der Chef der Raumfahrtbehörde Roskosmos, Dmitri Rogosin, am Samstag in einem Fernsehinterview. „Wir planen das nicht später als im Herbst“, fügte er hinzu.

Die Sarmat hat eine Reichweite von 18.000 Kilometern und ist mit atomaren Sprengköpfen bestückbar. Damit kann Russland sowohl über den Nord- als auch über den Südpol angreifen und Ziele weltweit erreichen. Die ersten Einheiten sollen im sibirischen Großbezirk Krasnojarsk stationiert werden.

Flankierend dazu witzelte die TV-Runde im russischen Staatsfernsehen: „Ganz New York wäre weg - mit einer einzigen Rakete, höhöhö...“ Amüsant finden die Gesprächsteilnehmer insbesondere, dass die USA keine gleichwertige Rakete im Arsenal haben. Warum auch? Seit Jahrzehnten läuft die Strategie der atomaren Abschreckung auf ein Patt hinaus: Ein Atomkrieg wäre nicht zu gewinnen, der Einsatz von Atomwaffen ist auch nach russischer Militärdoktrin lediglich ein letzter Schritt, wenn alle anderen Möglichkeiten der Verteidigung ausgereizt wären.

Russische Drohungen mit atomarem Erstschlag gegen die USA

Doch Russland unterläuft diesen Konsens zunehmend durch einen niederschwelligen Einsatz von Massenvernichtungswaffen in Kriegen: So wurden mehrfach chemische Kampfstoffe in Syrien eingesetzt, auch im Mariupol könnten sie zum Einsatz gekommen sein. Zu Beginn des Ukraine-Krieges kündigte Russland an, die Einsatzbereitschaft seiner Massenvernichtungswaffen zu erhöhen. Russlands Präsident Wladimir Putin brachte nun auch die Möglichkeit eines atomaren Erstschlages gegen die USA ins Spiel. Das russische Staatsfernsehen spielt die von Putin angedeuteten Drohungen als realistische oder sogar wünschenswerte Szenarien durch.

Adressat des russischen Staatsfernsehens ist in erster Linie die eigene Bevölkerung, die unabhängige Informationen über den Ukraine-Krieg nur mit Schwierigkeiten einholen kann, nachdem kritische Medien in Russland abgeschaltet wurden, ausländische Medien und soziale Netzwerke so gut wie nicht mehr erreichbar sind. Beobachter gehen dennoch davon aus, dass sich inzwischen weit herumgesprochen hat, dass Russland in der Ukraine einen Angriffskrieg führt. Das Staatsfernsehen schwört die Zuschauer darauf ein, dass dieser Krieg einer gegen den Westen insgesamt ist, gegen den das russische Volk nun mit allen Mitteln zu kämpfen habe, und sei es mit Atomraketen, die Großstädte wie New York in Schutt und Asche legen.