Frauen lernen den Umgang mit Waffen. Etliche Zivilisten bereiten sich aufs Schlimmste vor. AP/Evgeniy Maloletka

Dmytro Woloschyn sitzt in seinem Großraumbüro in Kiew und listet Fragen auf. Was passiert, wenn die Lage eskaliert? Was geschieht dann mit den ausländischen Angestellten? Welche Folgen hätte das Kriegsrecht?

Russische Soldaten marschieren an den Grenzen der Ukraine auf, und die Wirtschaft im Land leidet schon jetzt spürbar: Projekte werden auf Eis gelegt, Investoren ziehen sich zurück. Viele Firmen schmieden Notfallpläne für den Fall einer militärischen Eskalation. So wie auch Dmytro Woloschyn, Chef einer Online-Plattform. Firmenchefs und -chefinnen müssen sich gezwungenermaßen Gedanken über die Folgen eines russischen Einmarschs machen.

Antworten sind da jedoch schwer zu finden, die Liste mit Fragen hingegen wird länger. Was passiert, wenn das Bankensystem kollabiert? Lassen sich alle Rechnungen bezahlen? Und was ist bei Internetproblemen zu tun? Dmytro Woloschyn betreibt Preply, eine Plattform zur weltweiten Vernetzung von Studierenden und Lehrkräften. In Kiew und Barcelona beschäftigt das 2013 gegründete Unternehmen 400 Menschen. Es gilt als Erfolgsmodell des ukrainischen Hightech-Sektors.

Firmenchefs entwerfen Notfallpläne, Investoren springen ab

Doch die Firma bereitet sich lieber auf das Schlimmste vor. „Wir mussten einen Notfallplan mit Antworten auf all diese Fragen entwerfen“, sagt der 34-jährige Woloschyn der Nachrichtenagentur AFP und zeigt Tabellen mit verschiedenen Szenarien auf seinem Laptop. „Im Moment wenden wir ihn nicht an, weil wir zuversichtlich sind, dass die Lage stabil bleibt.“

Überall in der Ukraine werden Zivilisten an der Waffe geschult. imago/NurPhoto

Er erinnert daran, dass der Zustand einer erhöhten Alarmbereitschaft schon seit der Krim-Annexion 2014 anhält und sich die Gesellschaft gewissermaßen daran gewöhnt hat. „Wir geraten deshalb nicht in Panik“, sagt Woloschyn.

Tatsächlich leben viele Menschen und Beschäftigte in der ukrainischen Hauptstadt derzeit ein merkwürdiges Doppelleben. Der Alltag geht weiter, trotz der durch den massiven russischen Truppenaufmarsch an der Grenze erzeugten Furcht vor einer Invasion. Laut einer Umfrage der European Business Association haben jedoch 40 Prozent der in dem Verband zusammengeschlossenen Firmen – darunter viele in der Ukraine tätige multinationale Unternehmen – Notfallpläne ausgearbeitet, weitere 40 Prozent planen solche.

Ukrainische Notenbank muss Währung stützen

Allein das Szenario eines russischen Einmarsches wirkt sich trotz der wiederholten Dementi aus Moskau bereits auf die reale Wirtschaft des Landes aus. Projekte wurden auf Eis gelegt, Investoren zogen sich zurück und schafften Devisen aus dem Land. Die ukrainische Zentralbank senkte ihren Konjunkturausblick für 2022 von 3,8 Prozent auf 3,4 Prozent.

Seit Jahresbeginn gab die Notenbank außerdem bereits rund eine Milliarde Dollar zur Stabilisierung der ukrainischen Währung aus. Trotzdem war die Hrywnja zuletzt auf dem schwächsten Stand seit vier Jahren – das wiederum treibt die Inflation an und schwächt die Kaufkraft der Menschen in einem der ärmsten Länder in Europa.

Präsident Wolodymyr Selenskyj fand bereits deutliche Worte zu den Warnungen aus Washington vor einem russischen Einmarsch in die Ukraine im Februar: „Diese Panik brauchen wir nicht.“ Es gelte vielmehr, die Wirtschaft zu stabilisieren.

Zwar gehen Experten davon aus, dass sich die Ukraine angesichts westlicher Hilfe in einem gefestigteren finanziellen Umfeld bewegt als 2014. Allerdings drohen langfristige Schäden für die Wirtschaft: Denn auch wenn eine militärische Eskalation letztlich ausbleiben sollte, so werde die Einsicht, dass das Risiko für Geschäfte in der Region gestiegen sei, „noch lange auf der ukrainischen Wirtschaft lasten“, sagt Lilit Gevorgyan vom Analyseunternehmen IHS Markit.

Die Kriegsgefahr werde andauern, wenn es nicht zu einer Entspannung mit Russland komme, fährt Gevorgyan fort. Das werde sich weiter auf strategische Investitionen auswirken – „und diese braucht das Land dringend“.