Screenshot des Videos, das nach dem Angriff auf das Kinderkrankenhaus von Mariupol von Putin-Fans verbreitet wurde. Facebook/Screenshot

Für Anhänger des russischen Präsidenten Wladimir Putin ist die Sache klar: Die russische Armee sei gerade dabei, die Ukraine von Nazis und Nationalisten zu befreien, so die einhellige Botschaft russischer Propaganda, mit der die einheimische Bevölkerung seit Kriegsbeginn bearbeitet wird. Kritische Medien wurden abgeschaltet, allein die Erwähnung des Wortes „Krieg“ mit drakonischen Strafen belegt. Nicht so im Ausland: Bilder von rücksichtslosen Einsätzen der russischen Armee gehen nicht nur durch die sozialen Medien, sondern wurden von Fotografen und Reportern internationaler Nachrichtenagenturen festgehalten und von Rechercheteams überprüft.

Dennoch halten russlandfreundliche Medien und deren Fans an der Erzählung fest, es gebe keine russischen Angriffe auf die ukrainische Zivilbevölkerung. Am Mittwoch waren Reporter der Nachrichtenagentur AP vor Ort, als eine Geburtenklinik im Zentrum der südukrainischen Hafenstadt Mariupol attackiert wurde. In der Klinik waren schwangere Frauen sowie Mütter mit ihren neugeborenen Kindern untergebracht. Bei dem Angriff wurden nach ukrainischen Angaben zwei Erwachsene und ein Kind getötet, mindestens 17 Angestellte wurden verletzt.

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Reporter der Nachrichtenagentur AP waren vor Ort, nachdem die Geburtenstation des Hospitals beschossen wurde. Helfer tragen eine verletzte Schwangere davon.

Fotografen und Reporter waren vor Ort, als Kinderklinik in Mariupol beschossen wurde

Obwohl der Angriff von zahlreichen Augenzeugen, Reportern und Fotografen belegt ist, bezeichnete der russische Außenminister Sergej Lawrow die Berichte ohne mit der Wimper zu zucken als: „Falschmeldung“. Russland, behauptet Lawrow, habe bereits am 7. März die Vereinten Nationen informiert, dass in der ehemaligen Klinik kein medizinisches Personal mehr sei – obwohl Bilder direkt nach dem Beschuss genau dies zeigen, was es angeblich dort nicht gebe. Stattdessen, so der russische Außenminister, sei das Krankenhaus ein Lager ultraradikaler Kämpfer des ukrainischen Bataillons Asow, so Lawrow am Donnerstag in Antalya nach Gesprächen mit seinem ukrainischen Kollegen Dmytro Kuleba. Der langjährige russische Außenminister beklagte eine „Manipulation“ der gesamten Welt mit Informationen zu mutmaßlichen Gräueltaten der russischen Armee.

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Eine Schwangere rettet sich aus dem Krankenhaus mit Verletzungen im Gesicht ins Freie.

Ukrainischer Asow-Kämpfer auf dem Dach? Faktencheck zeigt, wo das Video tatsächlich entstand

Aufnahmen sollen die Behauptungen Lawrows belegen. Diese flimmerten bereits kurz nach der russischen Attacke durch die sozialen Medien. Zu sehen ist eine Luftaufnahme, die einen Kämpfer auf einem Dach zeigen soll, das angeblich zu dem Klinikgebäude gehört. Das Video unterstützt damit 1:1 die von Russland vorgebrachte, absurde Erzählung, die russische Armee kämpfe gegen ukrainische Nazis. Wobei die Lawrow-Äußerung den Widerspruch nicht auflöst, dass russische Einheiten das Krankenhaus offenbar doch beschossen haben – aber, so die verquere Logik, weil sich dort angeblich Nazi-Kämpfer aufgehalten hätten.

Das österreichische Faktencheck-Portal Mimikama hat die Luftnahme gründlich untersucht und verortet. Das Ergebnis ist eindeutig: Das Gebäude ist nicht das beschossene Hospital. Laut Mimikama handelt es sich vielmehr um einen Wohnkomplex. Wann und unter welchen Umständen das auf dem russischen YouTube-Kanal WarGonzo veröffentlichte Video entstand, ist unklar. Ob die im Video zu sehende Person einer bestimmten Einheit zugehörte oder nicht, lässt sich nicht überprüfen. Eines ist allerdings gewiss: Es handelt sich offensichtlich um eine „falsche Flagge“ im Informationskrieg, der die blutige russische Invasion in der Ukraine begleitet.