Berliner treffen sich in den Parks: Von Abstand ist schon jetzt nichts mehr zu sehen. imago/Peter Meißner

Großbritannien macht es vor, nun werden auch in Deutschland die Rufe lauter nach einem radikalen Ende aller Corona-Maßnahmen. Der Unterschied: Die Briten liegen vorne bei der Impfkampagne, dafür liegen die Infektionsraten in Deutschland anhaltend niedrig. Die schnellen wiederum in Großbritannien in die Höhe, allerdings ohne dass bislang die Intensivstationen volllaufen. Steht uns Ähnliches bevor, mehr Erkrankungen, aber nicht wesentlich mehr schwere Verläufe?

Auf Erleichterungen dürfen zumindest vollständig Geimpfte hoffen. Sobald allen Bürgern ein Angebot gemacht wurde, könne über weitere Lockerungen für vollständig Geimpfte gesprochen werden, sagte Unionsfraktionsvize Thorsten Frei (CDU) der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (NOZ).  Wer selbst geschützt sei und für andere keine Gefahr mehr darstelle, "muss so weit wie möglich von Einschränkungen befreit werden", sagte Frei. Leichte Maßnahmen wie die Maskenpflicht in Bus und Bahn könne er sich je nach Situation aber weiter vorstellen.

Eine Abkehr von den Maßnahmen sei "verfassungsrechtlich zwingend", sagte der Unions-Rechtsexperte Jan-Marco Luczak (CDU) der "Welt" am Dienstag. "Die Maßnahmen waren richtig und notwendig, um das Pandemiegeschehen in den Griff zu bekommen."

Ende der Corona-Maßnahmen bereits im August?

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) hält das Ende der Beschränkungen wegen der Fortschritte beim Impfen für geboten. "Wenn alle Menschen in Deutschland ein Impfangebot haben, gibt es rechtlich und politisch keine Rechtfertigung mehr für irgendeine Einschränkung", sagte er mehreren Medien. Das sei "im Laufe des August" zu erwarten.

CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak sagte in Berlin, wenn sich Menschen trotz der Möglichkeit dazu nicht impfen ließen, könnten sie zunehmend weniger erwarten, dass die Gesellschaft Maßnahmen für ihren Schutz aufrecht erhält.

Ähnlich argumentierte der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) nannte ein Ende der Maßnahmen grundsätzlich richtig. "Wer die Chance hat, sich impfen zu lassen, es aber aus eigener freier Entscheidung nicht tut, kann nicht vom Staat und anderen verlangen, dass es weiterhin Einschränkungen zu seinem Schutz gibt", sagte ein Sprecher Laumanns der Düsseldorfer "Rheinischen Post" vom Dienstag.

FDP-Fraktionsvize Michael Theurer forderte die Bundesregierung auf, den Menschen verbindlich zu sagen, wann sie ihre Freiheitsrechte zurückbekommen. "Das ist der beste Turbo gegen Impfmüdigkeit", erklärte er.

Weltärztebund-Präsident Frank Ulrich Montgomery: Herdenimmunität kurzfristig nicht erreichbar

Unterdessen vertrat Weltärztebund-Präsident Frank Ulrich Montgomery die Auffassung, dass die angestrebte Herdenimmunität kurzfristig nicht erreichbar sei.

Montgomery sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe vom Dienstag, der Anteil der Geimpften und Genesenen müsste nach neuen Rechenmodellen bei rund 85 Prozent liegen. Er bezog sich damit auf Aussagen des Robert-Koch-Instituts (RKI), denen zufolge wegen der besonders ansteckenden Delta-Variante für eine Herdenimmunität ein größerer Teil der Bevölkerung geimpft werden muss als bislang angenommen.

"Die zehn Prozent, die sich ums Verrecken nicht impfen lassen wollen, werden ihre Immunität erreichen, indem sie eine Erkrankung durchmachen", erklärte der Weltärztebund-Chef. Das werde dann geschehen, "wenn wir alle Vorsichtsmaßnahmen fallen lassen".

Der Schlüssel zum Erfolg gegen das Virus sei eine möglichst hohe Durchimpfung der Bevölkerung, sagte Montgomery. Dafür müssten die Impfskeptiker überzeugt und Anreize gesetzt werden, damit sich mehr Menschen impfen lassen. "Ich glaube aber nicht, dass wir auf die Maske komplett verzichten können."

Die Deutsche Gesellschaft für Immunologie geht davon aus, dass das Coronavirus auf Dauer nicht verschwinden wird. Ihr Vizepräsident Reinhold Förster sagte den Funke-Zeitungen, solange die Kinder und Jugendlichen gar nicht oder wenig geimpft seien, "werden wir keine Herdenimmunität bekommen". Zudem bestehe die Frage, wie viele der frühzeitig geimpften Bewohner in Altenheimen noch ausreichend Antikörper haben - und wie gut sie gegen die neue Delta-Variante geschützt sind.