Demonstranten räumen Klamotten aus einem Modegeschäft in Barcelona. Foto: Imago/ZUMA Wire

Brennende Müllcontainer, fliegende Pflastersteine, eingeschlagene Schaufenster: Die Proteste in Spanien gegen die Verhaftung eines Rappers wegen Majestätsbeleidigung reißen nicht ab. In Barcelona hat es am Sonnabend den fünften Abend in Folge Proteste gegen die Verhaftung von Pablo Hasél und Ausschreitungen gegeben.

In der Hauptstadt Kataloniens versammelten sich mehrere Tausend Menschen. Als sie zum Polizeipräsidium zogen, kam es erneut zu Zusammenstößen mit der Polizei. Demonstranten bewarfen Polizisten mit Flaschen, Dosen und Böllern und setzten Barrikaden in Brand.

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Andere Demonstranten drangen in Läden in der Einkaufsstraße Passeig de Gracia ein und plünderten Geschäfte von Nike, Versace, Tommy Hilfiger, Hugo Boss und Diesel. Auch die Börse wurde angegriffen, mehrere Motorräder brannten.

In den Straßen von Barcelona setzten die Demonstranten Barrikaden in Brand. Foto: Imago/ZUMA Wire

In der spanischen Hauptstadt Madrid gingen am Sonnabend rund 400 Menschen gegen die Verhaftung Haséls auf die Straße. In der Gran Vía, der wichtigsten Einkaufsstraße Madrids, standen etliche Polizeitransporter, über den Demonstranten kreiste ein Polizeihubschrauber.

Musiker hatte den Altkönig „Mafioso“ genannt 

Hasél hatte 2016 den korruptionsverdächtigen Altkönig Juan Carlos, der sich inzwischen nach Abu Dhabi abgesetzt hat, einen „Dieb“ und „Mafioso“ genannt. In dem Song und auch auf Twitter ließ er Gewaltfantasien freien Lauf. Dann weigerte sich der Katalane, die Strafe anzutreten, und verbarrikadierte sich tagelang in der Universität seiner Heimatstadt Lleida. Als er am Dienstag von Polizisten schließlich abgeführt wurde, rief er mit erhobener Faust: „Wir werden niemals den Mund halten!“

Immer wieder lieferten sich die jungen Leute Auseinandersetzungen mit der Polizei. Foto: AFP/Josep Lago

Doch nicht nur die jungen und sehr wütenden Demonstranten laufen gegen Unterdrückung der Meinungsfreiheit Sturm. Kritik kommt auch von Künstlern, Politikern der linksgerichteten Regierungskoalition und Medien.

Dutzende Strafen wegen des „Knebelgesetzes“

Der Fall des wegen „Majestätsbeleidigung“ und „Gewaltverherrlichung“ zu neun Monaten Haft verurteilten Rappers Pablo Hasél ist nicht der erste. Seit Verabschiedung des „Gesetzes zum Schutz der Sicherheit der Bürger“ 2015 durch die damalige konservative Regierung von Mariano Rajoy – im Volksmund: „Knebelgesetz“ – landen immer wieder Künstler, YouTuber und Journalisten auf der Anklagebank. Mal gibt es Haft-, mal hohe Geldstrafen, gelegentlich auch Freisprüche. Die Empörung hatte bisher allerdings nie solche Ausmaße wie jetzt.

Auch der deutsch-spanische Historiker Carlos Collado Seidel spart nicht mit Kritik. Er prangert an, „dass Künstler aufgrund ihrer Texte zu Haftstrafen verteilt werden“. Das Urteil gegen Hasél sei „völlig überzogen“, meint der Professor an der Universität Marburg im Interview der Deutschen Presse-Agentur. „Bei aller Berechtigung, Aufstachelung zu Hass und Gewalt strafrechtlich zu ahnden, sind die häufig verhängten hohen Strafmaße schwer nachvollziehbar.“

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In zwei offenen Briefen nahmen mehr als 300 Musiker, Schriftsteller, Schauspieler und Künstler Hasél in Schutz, darunter die Hollywood-Stars Pedro Almodóvar und Javier Bardem. Spanien stelle sich „auf eine Stufe mit Ländern wie der Türkei oder Marokko, wo ebenfalls Künstler im Gefängnis sitzen, weil sie staatlichen Missbrauch anprangern“.

Mit einer Online-Petition („Rappen ist kein Verbrechen“) sammelte Amnesty International mehr als 100.000 Unterschriften für eine Gesetzesänderung und Haséls Freilassung. Niemand dürfe ins Gefängnis wandern, „weil er etwas Unangenehmes oder Skandalöses“ twittere oder singe.

Der sozialistische Ministerpräsident Pedro Sánchez kritisiert nach längerem Schweigen inzwischen die Gewalt auf den Straßen, verspricht aber auch besseren Schutz der Meinungsfreiheit.