Medienwirksam wurden Zivilisten aus den Separatistengebieten nach Russland in Sicherheit gebracht.
Medienwirksam wurden Zivilisten aus den Separatistengebieten nach Russland in Sicherheit gebracht. dpa/Vladimir Smirnov/TASS/

Der russische Fernsehreporter steht in schusssicherer Weste und Helm an einem sonnigen Nachmittag in der Nähe einer Kaserne. „Sind Sie bereit?“, fragt eine Stimme aus dem Off. Der Journalist nickt, Gewehrfeuer bricht los und er schreit im Wegrennen atemlos seinen Bericht über einen angeblichen Sabotage-Angriff auf die prorussischen Separatisten in der Ostukraine ins Mikrofon.

Ein Clip auf einem Telegram-Kanal entlarvt diesen TV-Beitrag als Inszenierung – ein Beispiel von vielen in der Propaganda-Schlacht zwischen Moskau und Kiew. Der seit acht Jahren andauernde Konflikt im Osten der Ukraine wird von einer erbitterten Desinformationskampagne begleitet, in der die jeweils andere Seite schwerer Verbrechen bezichtigt wird.

Seit Russland mehr als 100.000 Soldaten an der Grenze zusammengezogen hat und eine Invasion droht, eskaliert auch der Propagandakrieg. So behauptete der Chef der staatlichen Nachrichtenagentur Rossija Sewodnja, dass ukrainische Nationalisten in der Donbass-Region Tausende Zivilisten „gefoltert und massakriert“ hätten und weitere Massaker an russischen Staatsbürgern vorbereiten würden.

Angeblich hofft die Queen auf einen Krieg zwischen Russland und der Ukraine

Bei einem Interview mit einem prorussischen Kämpfer in der Ostukraine behauptet der Mann im Kampfanzug, dass ukrainische Nationalisten gedroht hätten, dass sie die Russen in der Region „abschlachten“ und ihre Kinder „an Stromleitungen aufhängen“ würden.

Panzer nahe Rostow am Don. Noch ist unklar, ob russisches Militär weiter in die „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk vordringt.
Panzer nahe Rostow am Don. Noch ist unklar, ob russisches Militär weiter in die „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk vordringt. imago/Itar-Tass

Und selbst einer der prominentesten Nachrichtensprecher Russlands, Dmitry Kiselyov, schert im Staatsfernsehen in die Propaganda-Maschinerie ein und will erfahren haben, dass die britische Königin Elizabeth II. auf einen Krieg zwischen Russland und der Ukraine hoffe – um von Skandalen im eigenen Land abzulenken.

„Ich denke, die meisten dieser Fake News richten sich vor allem an das internationale russische Publikum“, sagt der ehemalige ukrainische Bildungsminister und Leiter der Journalistenschule Mohyla, Sergej Kwit. „Es sieht so aus, als würden sie eine Invasion vorbereiten.“

Falschmeldungen sind leicht aufzudecken

Die explosionsartige Zunahme von öffentlich zugänglichen Informationen in den vergangenen zehn Jahren hat es leichter gemacht, Falschmeldungen aufzudecken. So wurde ein scheinbar dringender Aufruf der ukrainischen Separatistenführer vom vergangenen Freitag, die Bevölkerung nach Russland zu evakuieren, bereits zwei Tage vorher aufgezeichnet. „Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskij wird in Kürze einen Angriffsbefehl für seine Truppen erteilen“, warnt der Donezker Rebellenführer Denis Puschilin in seiner Videobotschaft.

Aus den Telegram-Metadaten geht hervor, dass sowohl Puschilins Botschaft als auch eine von einem anderen Separatistenführer aufgezeichnete Botschaft bereits am 16. Februar hochgeladen wurden – an dem Tag, an dem Washington mit einem Einmarsch gerechnet hatte.

In anderen russischen Berichten wurde behauptet, die Separatisten hätten zwei Ukrainer getötet, die einen Chlortank in die Luft sprengen wollten. Eine Geschichte, die die Behauptungen Moskaus stützen sollte, Kiew plane einen Angriff mit chemischen Waffen.

Doch auch die ukrainische Seite ist nicht ganz unbeteiligt an dem Informationskrieg. Die unabhängige Kiewer Organisation Stopfake wies auf Posts hin, die über eine angebliche große Anti-Kriegs-Demonstration in Moskau berichteten – und dabei Bilder einer Versammlung verwendeten, die in Wirklichkeit bereits 2014 stattfand.

Dass Russland über angebliche Gräueltaten gegen russische Bürger berichtet, hat sogar schon Tradition. Auch die Annexion der Krim durch russisches Militär im März 2014 wurde begleitet von derartigen Berichten.