Eine Frau trägt ein QAnon-T-Shirt bei einer Dortmunder Demo gegen die Corona-Eindämmungsvorschriften. Foto: imago images

Auf den ersten Blick muten sie harmlos an: bunte Fähnchen mit dem Buchstaben „Q“. Zahlreich zu erblicken auf den „Querdenker“-Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen in den vergangenen Wochen. „Q“ steht für Querdenken - aber nicht nur das: „Q“ ist auch der Name des anonymen Urhebers der übergreifenden Verschwörungs-Scheinwelt der QAnons, die in den USA ihren Anfang nahm. Der Begriff verbindet „Q“ mit der Abkürzung von „anonym“. Facebook hält die QAnon-Bewegung für gefährlich, will alle Facebook-Seiten und -Gruppen sowie alle Instagram-Accounts gelöscht werden, die ihre Positionen vertreten.

Der Sektenexperte Matthias Pöhlmann hat den Eindruck, dass es den Versuch gibt, eine Verbindung zwischen  QAnon  und den Querdenkern herzustellen.  „Bei den Demos werden diese Fahnen verteilt, und viele wissen gar nicht, was sich dahinter verbirgt“. Man müsse unbedingt einen Blick auf diese Entwicklung haben, gehe es doch bei QAnon um antidemokratische und zum Teil antisemitische Überzeugungen,  erklärt der Sektenbeauftragte der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.

QAnon nahm 2017 seinen Anfang, ursprünglich von einer Internet-Plattform aus, auf der man anonym und nahezu ohne Einschränkungen Beiträge posten kann. „Q“, ein angeblicher Mitarbeiter oder eine Gruppe aus der Regierung, bringt regelmäßig angebliche Geheiminformationen über Kriminelle aus Politik, Finanzwesen und Showbusiness ans Licht. Grundlegend geht es darum, dass hinter allem, was auf der Welt passiert, eine Clique, ein Geheimbund die Fäden in der Hand halte - der „Tiefe Staat“ („Deep State“). Dieser wolle eine „Neue Weltordnung“ durchsetzen, eine Art globale Regierung zur Unterjochung der Menschheit. 

Demoteilnehmer in Berlin mit einer schwarz-weiß-roten Fahne, die ein Q trägt, das geheimnisvoll wirkende Kürzel WWG1WGA - und zwei Porträts von Donald Trump. Foto: Kay Nietfeld/dpa

QAnon-Anhänger sehen sich indes selbst als Elite; nur wer ihre Codes kennt, gehört dazu. Am häufigsten ist das Kürzel „WWG1WGA“ zu finden,   „Where We Go One, We Go All“ - sinngemäß: Einer für alle, alle für einen. „Dieses Rätselraten und Basteln macht für viele einen großen Reiz aus. Man puzzelt an der großen Verschwörungserzählung mit, ist daran beteiligt“, erläutert Pöhlmann. „Man zählt sich zu den Erwachten.“  QAnon habe für viele ersatzreligiöse Funktionen, so der Experte. Es gebe etwa Schwarz-Weiß-Denken, und auch Endzeitvorstellungen spielten eine Rolle. „Ich spreche bei QAnon gerne von einem versekteten Verschwörungsglauben. “

Der Messias dieses Glaubens ist: Donald Trump. QAnons vertrauen darauf, dass der US-Präsident die Welt vor einem satanischen Kult aus Pädophilen und Kannibalen rette. Immer wieder verbreiten sie an den Haaren herbeigezogene Mythen über vermeintliche Befreiungsaktionen, die angeblich aus dem Oval Office in Auftrag gegeben werden. Dabei wird eine seit Jahren umgehende Geschichte von „Q“ weitergetragen.

Die Polizei hatte wegen des bewaffneten Manns, der angeblich in einer Pizzeria Washingtons gefangen gehaltene Kinder befreien wollte, einen Großeinsatz. Foto: EPA/JIM LO SCALZO/dpa

Schon 2016 war ein bewaffneter Mann in einer Pizzeria in Washington erschienen. Er wollte Kinder befreien, die dort angeblich gefangen gehalten wurden, um aus ihrem Blut ein Verjüngungsmittel zu gewinnen. Zu dem Kreis, der dahinter stecke, gehörten neben anderen Demokraten die US-Präsidentschaftskandidatin von 2016, Hillary Clinton. Natürlich gab es in der Pizzeria keine gefangenen Kinder, aber „Pizzagate“ waberte, von „Q“ befeuert, in den Köpfen weiter.

Trump verharmlost

Eine zentrale Behauptung der QAnon-Anhänger ist auch, dass es eine Verschwörung gegen US-Präsident Donald Trump im „tiefen Staat“ gebe. Trump wiederum hat offenbar kein Problem damit, von der Bewegung vereinnahmt zu werden. Im August etwa ließ er die Gelegenheit verstreichen, sich von den Verschwörungsgläubigen zu distanzieren: „Ich habe gehört, dass es Leute sind, die unser Land lieben.“

Eine  Untertreibung. Denn die QAnon-Lügen sind anschlussfähig für Demokratiefeinde, Rechtsextreme und Antisemiten; in Deutschland stehen der Bewegung radikale Reichsbürger, christliche Fundamentalisten und Esoteriker nahe. Man müsse sehr genau beobachten, ob das  Hasspotenzial von einzelnen nicht möglicherweise zu Gewaltausbrüchen führen könne, so Pöhlmann.

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Studien stützen diese Befürchtung: Der Glaube an Verschwörungserzählungen geht mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit einher, Gewalt zu befürworten oder gar selbst gewalttätig zu werden. „Verschwörungserzählungen können dazu dienen, Gewalt gegen andere zu legitimieren, und sie schirmen gleichzeitig die eigene Gruppe gegen Kritik ab“, fassen Katharina Nocun und Pia Lamberty in ihrem jüngst erschienenen Buch „Fake Facts“ zusammen.  

QAnon gewann in den vergangenen Monaten weiter an Bekanntheit in den USA. Bei den Parlamentswahlen, die zusammen mit der Präsidentenwahl am 3. November anstehen, sind auf Seiten der Republikaner mehrere Kandidaten im Rennen, die Sympathien für QAnon-Ideen gezeigt haben.