Der russische Präsident Wladimir Putin mit Generalstabs-Chef Waleri Gerassimow.  Foto: AFP/SPUTNIK/Sergei Gunejew

Kremlchef Wladimir Putin (69) trauert kurz vor dem 30. Jahrestag des Zusammenbruchs der Sowjetunion einmal mehr dem verlorenen Großmachtstatus nach. 40 Prozent seines historischen Gebiets habe Russland damals verloren, klagt er in einer neuen Dokumentation des russischen Staatsfernsehens. Am 25. Dezember 1991 wurde die sowjetischen Flagge am Kreml eingezogen. Von einer „Tragödie“ spricht Putin in der TV-Doku. „Das, was wir uns in 1000 Jahren erarbeitet haben, war zu einem bedeutenden Teil verloren“, meint er mit Blick auf das russische Imperium, aus dem 1922 nach der Oktoberrevolution von 1917 die Sowjetunion mit ihren 15 Republiken hervorging. Der Kremlchef erzählt, dass auch der Rohstoffgroßmacht Russland nach dem Ende der UdSSR der Zerfall gedroht habe.

 Michail Gorbatschow gab am 25. Dezember 1991 seinen Rücktritt als Präsident der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) bekannt.   dpa

Aber Putin hat in seinen mehr als 20 Jahren an der Macht nicht nur alles getan, um das flächenmäßig größte Land der Erde zusammenzuhalten. Er hat auch unter Michail Gorbatschow gewonnene Freiheiten massiv eingeschränkt. Eine Umfrage des staatlichen Meinungsforschungsinstituts Wziom zum 30. Jahrestag des Endes der UdSSR zeigt, dass die Menschen sich vor allem an soziale Sicherheit, Stabilität und den Großmachtstatus im Kommunismus erinnern. Die dunklen Seiten hingegen –  Mangelwirtschaft, Warteschlangen, politische Verfolgung – seien bei vielen vergessen.

Putin selbst bezeichnete den Zusammenbruch der Sowjetunion einst als „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“. Vor allem seit der Annexion der ukrainischen Schwarzmeer-Halbinsel Krim 2014 steht er im Verdacht, das alte Imperium wiederherstellen zu wollen. Die US-Außenpolitikerin Victoria Nuland meinte unlängst bei einer Senatsanhörung, es gebe die Befürchtung, dass Putin als Vermächtnis versuchen könnte, die „Sowjetunion wieder zu errichten“. 

Putin hält Ukraine nicht für eine eigenständige Nation

Nuland bezog sich vor allem auf den russischen Truppenaufmarsch nahe der ukrainischen Grenze. Seit Monaten werfen die USA und die Nato Russland vor, einen Überfall auf die Ukraine zu planen. Zwar weist Moskau das entschieden zurück. Im Juli jedoch hatte Putin in einem Aufsatz erklärt, Russland, die Ukraine und Belarus seien Teil „einer großen russischen Nation, eines dreieinigen Volkes“.

Zugleich wirft Vize-Außenminister Andrej Rudenko dem Westen vor, Integrationsprozesse auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion stören zu wollen. Es gebe ein „Streben des Westens, das postsowjetische Gebiet in eine Zone ständiger Konflikte und Spannungen zu verwandeln“.  So stört sich Russland an Bestrebungen der Ex-Sowjetrepubliken Georgien und der Ukraine, der EU und der Nato beizutreten.  Das passt Putin nicht, er verlangt Sicherheitsgarantien, dass die beiden Länder nicht der Nato beitreten, und droht mit Konsequenzen: „Im Fall einer Fortsetzung der ziemlich aggressiven Linie unserer westlichen Kollegen werden wir mit adäquaten militärisch-technischen Maßnahmen antworten, werden auf die unfreundlichen Schritte hart reagieren.“ 

Russland ist nur noch militärisch stark

Der britische Experte Barry Buzan schreibt in einem Aufsatz für die Moskauer Zeitschrift „Russland in der globalen Politik“, das Land habe es versäumt, sich zu erneuern, setze weiter auf Öl-, Gas- und Kohleexport. Russland sei im Vergleich zu China wirtschaftlich schwach, könne heute wie früher allenfalls als hochgerüstete Atommacht den Status verteidigen. Das Riesenreich habe „bedeutendes Potenzial“ als Aggressor, besitze aber keine ökonomischen und ideologischen Einflussinstrumente mehr.