Ein Porträt von Boris (der Vorname steht auf dem Schild) Nemzow 2015 am Tatort in Moskau. dpa/Sergey Ilnitsky

Von drei Schüssen in den Rücken getroffen, brach der russische Politiker Boris Nemzow in Moskau zusammen. Es geschah in unmittelbarer Nähe des Kreml, auf einer Brücke über die Moskwa, und jetzt verdichten sich die Hinweise, dass der Mordbefehl aus dem Kreml kam, wo Präsident Wladimir Putin das Sagen hat.

Es geschah am 27. Februar 2015, schnell wurden ein paar Tschetschenen verhaftet und später verurteilt. Warum aber sie geschossen haben sollen und in wessen Auftrag der 55-Jährige sterben musste, das ist bislang unklar. Obwohl man es ahnen kann.

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2014 sagte Nemzow Putins Angriff auf die Ukraine voraus

Denn 2014 sagte Nemzow in einem Interview über Putin: „Er hat sich die Krim genommen. Als Nächstes wird er sich Kiew nehmen, danach ist die Republik Moldau dran, dann Polen und dann die baltischen Staaten. Das ist ein Räuber. Er versteht nur die Sprache der Stärke, keine andere Sprache.“

Die BBC, das Recherche-Netzwerk Bellingcat und die russische Internetzeitung The Insider haben jetzt enthüllt, dass Nemzow in den Monaten vor seinem Tod mindestens 13 Mal bei Reisen von immer dem gleichen Agenten des russischen Geheimdiensts FSB heimlich begleitet worden war.

Einem Mann, Waleri Sucharew, der auch Verbindungen zu dem Killerteam hatte, das 2020 versuchte, Alexej Nawalny zu vergiften.

Ermöglicht wurden  die Erkenntnisse durch die in Russland verbreitete Korruption, heißt es von der BBC: Bellingcat kaufte Informationen aus einem Datenbestand des FSB namens Magistral, in dem alle Reservierungen von Flug- und Bahnreisen gespeichert würden.

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Daten zeigen: Agent folgte Nemzow auf Schritt und Tritt

Bei einem  Abgleich stellte sich heraus, dass Sucharew immer wieder die gleichen Ziele ansteuerte, zu denen Nemzow reiste: Unmittelbar mit ihm oder Stunden davor. Meistens ging es mit der Bahn von Moskau ins keine 300 Kilometer entfernte Jaroslawl: Nemzow war dort zuletzt Mitglied des Regionalparlaments, wohnte aber in Moskau.

In der Nacht zum 2. Juli 2014 habe der Politiker einen Flug nach Nowosibirsk gebucht, genau zehn Minuten später kaufte Sucharew ein Ticket.

Christo Grozev von Bellingcat erklärte, Magistral ermögliche es dem FSB, die Bewegungen der Bürger zu verfolgen, sei aber „in einer korrupten Gesellschaft wie Russland ein zweischneidiges Schwert“, weil auch Journalisten gegen Geld an die Daten kämen.

Im Februar legten Moskauer Blumen auf der Brücke nieder, auf der Boris Nemzow erschossen worden war. AP/Thibault Camus

Der Agent, der 2015 und 2017 auch in zwei gescheiterte Vergiftungsversuche eines Vertrauten von Nemzow verwickelt gewesen sein soll, war den Rechercheuren bereits im Umfeld des Anschlags auf Nawalny in Tomsk 2020 aufgefallen: 145 Mal habe er in den Wochen vor der Tat mit vier Agenten des Killerteams und einem Vorgesetzten telefoniert oder getextet.

Der Kreml wies alle Vorwürfe zurück, der FSB reagierte auf Anfrage der BBC nicht.

Erst Unterstützer, dann erbitterter Gegner Putins

Das Mordopfer Boris Nemzow war 1991 bis 1997 Gouverneur des Verwaltungsgebiets Nischni Nowgorod, dann bis 1998 russischer Vize-Ministerpräsident unter Präsident Boris Jelzin.

Vielfach als Nachfolger Jelzins gehandelt, stürzte er wegen der russischen Wirtschaftskrise 1998. Zunächst ein Unterstützer Wladimir Putins, den Jelzin zu seinem Nachfolger ernannt hatte,  entwickelte er sich dann aber zu einem erklärten Gegner des neuen Präsidenten.

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Unter anderem als Fraktionschef einer liberalen  Partei  machte er Oppositionspolitik gegen Putin und versuchte vergeblich, oppositionelle Strömungen zu vereinen. Seine Gegnerschaft zu Putin verschärfte sich, er bezeichnete ihn als Mafioso, paranoid  und von Abhängigen umgegeben.