Eine Rosenfarm an der South Lake Road am Lake Naivasha. Foto: imago images/Kai Horstmann

Zwei rechts, zwei links, bloß keinen fallen lassen. Im Sekundentakt hört man ein leises Klatschen auf den Ästen längst abgestorbener Bäume, die metertief im Wasser stehen. Zum Sonnenaufgang habe ich mich mit Naqeeb getroffen. Der 25-Jährige hat mich auf seinem kleinen Boot auf den 140 Quadratkilometer großen Naivashasee mitgenommen. Um den großen See, umgeben von hohen Bergen, blüht der weltweit größte Rosenanbau.

Graufischer, ein afrikanischer Eisvogel, und Bienenfresser sind, wie an jedem Morgen, aktiv. Der frühe Vogel fängt hier Fisch oder Insekten, von denen es zahlreiche Varianten gibt. Die Eisvögel klatschen ihre Beute gegen Äste, bis sie ohnmächtig ist, um sie dann zu schlucken, die Bienenfresser tun es, um die giftigen Stacheln der Insekten zu entfernen.

Nach den vielen Eisvögeln, Pelikanen, Kormoranen und Reihern zu urteilen, müsste es dem Süßwassersee, der 1890 Meter über Meereshöhe liegt, ökologisch sehr gut gehen. Doch warum stehen so viele tote Bäume im Wasser, von denen aus Schreiseeadler das Treiben an seiner Oberfläche beobachten?

Weltmarktführer, aber die Existenz von Familien ist trotzdem unsicher

Kenia ist mit seiner Schnittblumenproduktion Weltführer. Im Rosenanbau gehört das Land zu den drei Weltmarktführern. Der Rosenanbau konzentriert sich um den Naivashasee. Der fruchtbare Boden, das Licht, die Temperaturen und die Luftfeuchtigkeit machen den See so interessant für die Produktion zahlreicher Rosenarten.

Der See liegt 80 Kilometer nordwestlich von Nairobi und 80 Kilometer südlich des Äquators. Sein Wasser speist sich aus den Flüssen Malewa und Gilgil sowie aus einem Unterwassersystem, das Wissenschaftlern bis heute Rätsel aufgibt. Der Wasserspiegel schwankt stark.

Auch regenarme Jahre – und die Rosenindustrie – setzen dem See zu. Eine Rose benötigt bis zu ihrer Schnittreife etwa bis zu drei Liter Wasser. Drei Millionen Stiele wachsen pro Jahr alleine in einem Gewächshaus, mehr als 50 Millionen auf einer Farm.

Wie viel Wasser dafür dem See entnommen wird, bleibt ein Geheimnis der Rosenproduzenten.

Bis heute sind fast 100 Rosenfarmen rund um den See entstanden. Noch 1969 lebten 7000 Menschen rund um den See, 2007 waren es schon 300.000 Einwohner.

Die Hoffnung auf einen Arbeitsplatz zieht immer mehr Arbeitssuchende und ihre Familien an. Alle brauchen Wasser und produzieren Abwasser, das ungefiltert in den See gelangt.

Eine Rose benötigt bis zu ihrer Schnittreife etwa bis zu drei Liter Wasser. Foto: imago images/Xinhua

Die Arbeitsbedingungen auf vielen der Farmen sind hart. Der Monatslohn beträgt 30 bis 40 Dollar, eine Familie kann man davon nicht ernähren. Der Einsatz von Pestiziden macht Menschen krank, und das Einleiten von Düngemittelresten in den See lässt die Algen übermäßig wachsen – große Teppiche von Seerosen bedecken die Uferbereiche oder treiben auf dem Wasser.

Seit zehn Jahren beschäftigen sich Vertreter der Regierung und der Rosenindustrie, Umweltverbände und lokale Bauern mit den Problemen. So entstand zum Beispiel das Fair-Trade-Logo – es ist ein Signal an Käufer, dass es auch anders geht als mit den in Verruf geratenen üblichen Produktionsmethoden.

Der See dient zahlreichen Einwohnern der nahen 4,4- Millionen-Hauptstadt Nairobi als Ausflugsziel. Wohlhabende Kenianer verbringen hier gerne ein verlängertes Wochenende, Touristen verbringen eine Nacht, um die Tiere des Sees zu beobachten und den wenige Kilometer entfernten Nationalpark Hells Gate zu besuchen.

Heuschreckenplage und Corona: Die Probleme wachsen

Die Armut an der Schotterpiste ist allgegenwärtig, Aussteigen ein Risiko. In den Hotels finden frühmorgens Fütterungen für Affen statt, um sie von den Hotelzimmern und Bungalows fernzuhalten. Es ist eine umstrittene, aber von Touristen geschätzte Aktion. Der einfache Weg, an Nahrung zu gelangen, ist einer Gruppe Colobus-Affen nicht entgangen. So kann man den schwarz-weißen Stummelaffen mit etwas Glück fast auf Augenhöhe begegnen, bevor sie sich wieder in die Ruhe der Baumkronen zurückziehen.

Am und im See sind Fischer und Angler zu sehen. Aktuell ist der See fischreich, Familien bietet er gute Chancen auf eine Mahlzeit. Die Angler im Seerosendickicht nehmen die riskante Begegnung mit den zahlreichen Nilpferden in Kauf.

Von Tag zu Tag steigt die Zahl der Angler, denn mit den Coronavirus-bedingten Schließungen von Blumenläden in Europa ist der Rosen-Absatz eingebrochen, viele der Arbeitenden wurden entlassen, Blumen tonnenweise vernichtet.

Zusätzlich wird das Überleben durch eine Heuschreckenplage erschwert, deren Bekämpfung durch die Konzentration auf die Corona-Pandemie kaum noch erfolgt. Das Virus selbst trifft auf ein Gesundheitssystem, das schon zuvor überfordert war, und auf ein Land, in dem Hygiene- und Abstandsregelungen nicht umsetzbar sind. Viele der am See Lebenden sehen eine Hungersnot auf sich zukommen.

Bevor am Nachmittag die für den See typischen starken Winde einsetzen, versuchen Graufischer, den noch spiegelglatten See zu nutzen, um fette Beute zu machen. Und schon hört man es wieder an Ästen leise klatschen.