Was am Flughafen noch von einer Explosion zeugt: Blut an einer Mauer, zerrissene Kleidung.  AFP/Wakil Kohsar

So kannte man US-Präsident Joe Biden nicht. Nach dem blutigen Anschlag der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) am Flughafen Kabul schwor er Rache: „Wir werden nicht vergeben. Wir werden nicht vergessen. Wir werden euch jagen und euch dafür bezahlen lassen.“

 13 US-Soldaten waren bei dem Selbstmordattentat am Donnerstag getötet worden (bislang war von zwei die Rede), neben mutmaßlich 95 afghanischen Zivilisten. Über die Zahl der Verletzten gibt es keine gesicherten Zahlen. In sozialen Medien tauchten am Freitag mehrere Bilder von Kindern auf, die seit dem Anschlag vermisst werden.

US-Militär arbeitet an Vergeltungsplänen

Biden erklärte, er habe das US-Militär beauftragt, Pläne für Vergeltungsaktionen zu entwerfen. Man habe Informationen, wo sich die Drahtzieher aufhielten, und es bedürfe keiner großen Militäraktionen, ihrer habhaft zu werden.

Das führt zu einer frivolen Situation: Auch die Taliban, die in den vergangenen Jahrzehnten Hunderte Selbstmordattentate begehen ließen, suchen nach den Hintermännern der Anschläge. Die dürften ihnen peinlich sein, weil sie die Sicherheit außerhalb des Flughafens sichern wollten. Taliban und IS sind verfeindet, der IS ist noch radikaler islamistisch, strebt ein Staatswesen mit afghanischen und pakistanischen Gebieten an.

Leichen sind auf einem Weg an einem Krankenhaus in Kabul abgelegt. Frauen versuchen festzustellen, ob es vermisste Angehörige sind. AP/Wali Sabawoon

US-General Kenneth McKenzie, zu dessen Aufgaben bis vor kurzem der Kampf gegen die Taliban zählte, nennt die Zusammenarbeit mit den neuen Machthabern „nützlich“. Vereint sind die Kriegsgegner aber nicht, Biden sagte, die Taliban seien „keine guten Kerle“.

Zugleich kündigte er die Fortsetzung der Evakuierungen von US-Bürgern und Ortskräften bis kommenden Dienstag an - trotz der anhaltenden Terrorgefahr. Der Evakuierungseinsatz der gut 5000 US-Soldaten in Kabul soll dann enden. Damit können auch die Verbündeten ihre Staatsbürger und frühere örtliche Mitarbeiter nicht mehr evakuieren.

US-Präsident Joe Biden zeigte sich angesichts der 13 toten US-Marines sehr betroffen. imago/UPI Photo/Stefani Reynolds

Nach dem Blutbad hat sich die Szenerie am Flughafen jedoch völlig verändert: Der Platz vor dem Tor, wo am Vortag noch Tausende gestanden hatten, die auf einen Evakuierungsflug hofften, war am Freitag menschenleer. Die Detonation hatte sich an einem Tor zum Flughafengelände ereignet, an dem US-Soldaten im Einsatz waren. Eine Reihe von IS-Kämpfern habe dann das Feuer auf Zivilisten und Soldaten eröffnet, sagte General McKenzie. Er warnte vor weiteren Anschlägen.

100.000 Menschen wurden ausgeflogen

Bislang wurden rund 100.000 Afghanen und Ausländer vorwiegend von den USA ausgeflogen, zahlenmäßig gefolgt von Großbritannien und Deutschland. Die meisten anderen Staaten haben die Evakuierung beendet. Nach Angaben von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) hat die Luftwaffe bis zum Ende ihres Einsatzes am Donnerstag 5347 Menschen aus mindestens 45 Ländern über Taschkent in Usbekistan aus dem Land geholt, darunter 505 Deutsche und mehr als 4000 Afghanen. Nun haben alle deutschen Soldaten, Diplomaten und Polizisten das Land verlassen.  

Rund 300 Deutsche sind laut Außenministerium in Afghanistan geblieben. Das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) erklärte, man werde nach wie vor mit mehreren hundert Mitarbeitern im Land bleiben. Die Menschen in Afghanistan seien jetzt auf Hilfe angewiesen, sagte der Sprecher von UNHCR-Deutschland, Chris Melzer: „Wir haben wenige Tausend Menschen, die das Land bisher verlassen haben, aber wir haben 3,5 Millionen Menschen, die innerhalb des Landes auf der Flucht sind.“

Medizinisches Material zur Versorgung der Bevölkerung wird unterdessen knapp. Vorräte reichten nur noch wenige Tage, sagte Rick Brennan, WHO-Nothilfekoordinator für die Region in Genf. Grund sei, dass geplante Versorgungsflüge wegen der angespannten Sicherheitslage nicht stattfinden konnten.