Eine Mann tritt bei Zusammenstößen zwischen Migranten und der Polizei gegen einen Tränengaskanister. Foto: John Liakos/InTime News/AP/dpa

Nach der Brandkatastrophe im Flüchtlingslager Moria ist die griechische Polizei am Sonnabend mit Tränengas gegen protestierende Migranten auf der Insel Lesbos vorgegangen. Wie ein Fotograf der Nachrichtenagentur AFP berichtete, hatten Migranten zuvor Steine auf Polizisten geworfen. Hunderte ehemalige Lagerbewohner, die seit vier Tagen im Freien ausharren müssen, protestierten nahe der Inselhauptstadt Mytilini gegen ihre verzweifelte Lage. Einige Demonstranten hielten handgeschriebene Plakate hoch, auf denen stand „Wir wollen nicht zurück in eine Hölle wie Moria“ und „Können Sie uns hören, Frau Merkel?“

„Wir schlafen im Dreck oder auf der Straße“, berichtete eine Gruppe ehemaliger Lagerbewohner auf Facebook. „Wir haben nichts, womit wir uns bedecken können, nicht einmal eine Jacke, die uns vor der nächtlichen Kälte und dem Wind schützt.“ Einige Flüchtige schliefen sogar unter den Bäumen des örtlichen Friedhofs.

Flüchtlinge streiten sich um Wasserflaschen, die Helfer verteilen. Tausende Obdachlose müssen seit Tagen ohne Essen und Trinken ausharren. Foto: Angelos Tzortzinis/AFP

Nur 400 unbegleitete Minderjährige aus dem abgebrannten Flüchtlingslager Moria sollen in anderen EU-Staaten unterkommen, während tausende Obdachlose dort die vierte Nacht in Folge im Freien verbringen mussten. Humanitäre und staatliche Organisationen verteilten Wasser und Lebensmittel.

Deutschland und Frankreich wollen je 100 bis 150 minderjährige Flüchtlinge übernehmen. Und in Deutschland wird erbittert gestritten, ob mehr geholt werden sollten. Innenminister Horst Seehofer (CSU) lehnt einen deutschen Alleingang ab, obwohl viele Städte Migranten aufnehmen wollen und viele Einrichtungen hier teilweise leer stehen. In den Erstaufnahmeeinrichtungen der Länder gab es nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung im Frühjahr rund 25.000 freie Plätze. Mindestens 40.000 weitere könnten zusätzlich bereitgestellt werden, hieß es nach einer Umfrage bei den Landesministerien.

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CDU-Außenexperte Norbert Röttgen plädierte dafür, 5000 Flüchtlinge nach Deutschland zu holen. Auch Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Grüne) mahnte, Deutschland habe deutlich mehr Aufnahmekapazitäten und sprach in der Augsburger Allgemeinen von einem „Totalversagen des Innenministers“. Massive Kritik erntete Seehofer auch von der SPD: „Mit Blick auf das Leid der Menschen in Moria sind diese Zahlen beschämend gering“, kritisierte Berlins Innensenator Andreas Geisel. „Unser Land kann mehr“, meinte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD).

Seitdem das Camp Moria fast komplett abgebrannt ist, leben die Flüchtlinge auf den Straßen von Lesbos. UN-Generalsekretär Antonio Guterres fordert, die Menschen von der Insel Lesbos aufs Festland zu bringen. Foto: Imago Images/ANE Edition

Doch es gibt auch Gegenstimmen: So wandte sich Baden-Württembergs CDU-Chef Thomas Strobl gegen Forderungen, alle Migranten aus Moria zu holen. „Wir können nicht alle der mehr als 12.000 Menschen aus dem zerstörten Flüchtlingslager in Deutschland aufnehmen – dann wären die nächsten 12.000 sehr schnell da“, sagte er der Stuttgarter Zeitung. „Wir helfen, wollen aber nicht Hoffnungen wecken, die nicht erfüllt werden können.“