Die Kinderärztin Patrycja Matczuk vor dem Warschauer Krankenhaus, in dem sie arbeitet. Sie lernt Deutsch, wird Polen voraussichtlich in Richtung Österreich verlassen. Foto: Krzysztof Bastian/dpa

Warschau - Deutschland holt sich Ärzte aus Polen - und jetzt versucht Polen, Mediziner aus der Ukraine und Belarus zu gewinnen. Denn der Ärztemangel in Deutschlands Nachbarland ist massiv: In Polen kamen nach den letzten verfügbaren Zahlen 238 Ärzte auf 100.000 Einwohner, so wenige wie in keinem anderen EU-Land. Während ein polnischer Arzt 2018 durchschnittlich 3200 Konsultationen erteilte, waren es in Deutschland 2300.

Und das unter anderem deshalb, weil laut Bundesärztekammer knapp 2000 polnische Ärzte allein in Deutschland praktizieren. Wie wichtig sie hier sind, zeigte sich beim ersten Corona-Lockdown: Speziell in brandenburgischen Kliniken brach Panik aus, weil man fürchtete, die Mediziner dürften nicht mehr nach Deutschland. Allein im Krankenhaus Prenzlau war mit 22 etwa die Hälfte der Mediziner aus Polen. Ohnehin bedient sich Deutschland ziemlich ungeniert im Ausland: Über 52.500 ausländische Ärzte waren 2019 in Deutschland tätig - fast fünf Mal so viele wie 1996. Die größte einzelne Gruppe sind Rumänen (4433). Der Zuwanderung von 3850 Ärzten stand 2019 eine Abwanderung von knapp 1900 Medizinern gegenüber. 

Lesen Sie auch: Wo es in Deutschland besonders klemmt >>

Um Lücken in Polen zu schließen, hat der Unternehmer Kacper Gasienica-Byrcyn 15 Mediziner als Werber in die Ukraine geschickt. Sie sollen für seine Firma Optimus Work  Kollegen dazu bewegen, in Polen zu arbeiten. „Momentan haben wir schon mehr als 500 Anträge von Ärzten“, sagt Gasienica-Byrcyn. Etwa 80 Prozent kämen aus der Ukraine, weitere 20 Prozent aus Belarus. Ähnliche Erfahrungen hat Krzysztof Inglot von der Firma Personnel Service gemacht.  Mehr als 1500 Ärzte seien an Stellen in Polen interessiert. „Hauptsächlich suchen wir Kardiologen, Lungenärzte, Virologen, Anästhesisten und Internisten.“ 

Betten wurden an einem Corona-Notkrankenhaus im niederschlesischen Boleslawiec (Bunzlau) angeliefert - aber es fehlt Polen an Ärzten. Foto: Maciej Kulczynski/PAP/dpa

Seit Polen 2004 der EU beigetreten ist, sind Tausende Ärzte abgewandert. Die Abwanderung und ein rigoroser Sparkurs der Regierung haben das Gesundheitssystem ausgeblutet. Zudem hat die Corona-Pandemie die ohnehin hohe Arbeitsbelastung weiter verschärft. Zwar war die Abwanderungswelle gen Westen zuletzt abgeebbt, doch manche sitzen jetzt wieder auf gepackten Koffern. „Ich bin einfach müde, ständig mit dem System kämpfen zu müssen“, sagt die Kinderärztin Patrycja Matczuk. Sie sei zermürbt von den Schwierigkeiten des staatlichen Gesundheitsfonds NFZ: Krankenhäuser hätten nicht genug Betten, Ärzten, Krankenschwestern und Pfleger, stünden am Rande der Pleite. Allein schon das Bestellen eines Medikaments werde zum Problem. Matczuk lernt Deutsch.

Ende November verabschiedete das Parlament eine Gesetzesänderung, die die Approbation von Ärzten aus Nicht-EU-Ländern vereinfachen und beschleunigen soll. Denn für Ukrainer und Belarussen sind die Bedingungen in Polen attraktiv. Sie können in Polen mit drei- bis viermal so hohen Gehältern rechnen wie zu Hause. Auch die Möglichkeit, mit neuen Technologien und Geräten zu arbeiten, sei für sie verlockend. In Belarus kommen laut Gasienica-Byrcyn politische Motive hinzu: Viele Ärzte fühlten sich vom  Regime des Machthabers Alexander Lukaschenko unterdrückt.

Kritik kommt von der polnischen Ärztekammer. Sie warnte vor zu lockeren Kontrollen der Kenntnisse von Zuwanderern und sicherheitsgefährdenden Sprachproblemen.