Lieferschwierigkeiten bei Medikamenten werden durch Corona verschärft Foto: imago images/Ralf Poller

Zu Beginn der Corona-Krise wurden erst Einweghandschuhe und Desinfektionsmittel und dann auch noch Medikamente knapp. Wie sieht es in der zweiten Welle aus? Können wir auf die Lieferketten und die Qualität von Medikamenten noch vertrauen? Der Apotheker und Pharmazeut Franz Stadler rechnet in seinem Buch „Medikamenten Monopoly“ mit Strukturen in Pharmaindustrie und Gesundheitspolitik ab – und warnt davor, diese Themen über die Pandemie zu vernachlässigen.

Herr Stadler, hat es Sie überrascht, dass zu Beginn der Pandemie im Frühjahr nicht nur manche Arzneimittel, sondern auch Einweghandschuhe und Desinfektionsmittel knapp wurden?

Ich bin seit 30 Jahren Apotheker und beobachte, dass es immer häufiger zu Lieferengpässen kommt. Insbesondere bei Arzneimitteln. Deswegen hat mich auch die Knappheit an medizinischer Schutzausrüstung nicht verwundert – wobei Desinfektionsmittel so alltäglich im Gebrauch sind, dass sie eigentlich nie ausgehen dürften. Da wurde sicherlich auch viel von Privatverbrauchern gehortet.

Und aktuell: Welche Medikamente werden regelmäßig knapp – und warum?

Herz-Medikamente, Bluthochdrucksenker wie Sartane, bestimmte Antibiotika, auch Schilddrüsenmedikamente. Es gibt verschiedene Ursachen, eine sind die Rabattverträge der gesetzlichen Kassen mit bestimmten Herstellern von Generika. Wir dürfen nur festgeschriebene Medikamente aushändigen, auch wenn wir andere Medikamente mit der gleichen Wirkungsweise vorrätig haben. Diese Regelung wurde momentan aufgrund der Corona-Pandemie ausgesetzt – damit Kunden nicht mehr so häufig in die Apotheke müssen. Ein zweiter Punkt: Schon vor Jahrzehnten hat man damit begonnen, die Produktion von Medikamenten und medizinischen Produkten sukzessive nach Indien und China zu verlagern.

Nun wurden vermehrt Stimmen laut, die fordern, die Arzneimittelproduktion wieder zurück nach Deutschland zu holen. Ist das eine realistische Forderung?

Leider in vielen Fällen nein. Es gibt Wirkstoffe, die bis zu 20 Syntheseschritte erfordern. Sie werden arbeitsteilig an verschiedenen Standorten hergestellt. Diesen kompletten Prozess der Medikamentenherstellung nach Deutschland zu holen, hieße, unsere pharmazeutisch-chemische Industrie massiv auszubauen. Das wäre nicht nur kostenintensiv, es würde auch viele Jahre dauern. Politisch halte ich das nicht für mehrheitsfähig.

Lesen Sie auch: Arzneimittel immer knapper: Bund plant 19 Lager für Masken und Medikamente - aber ein Problem bleibt

Wir werden also weiter angewiesen sein auf Lieferanten – und sind schlimmstenfalls erpressbar? China könnte damit drohen, den Nachschub an Antibiotika zu stoppen …

Das wäre in der Tat ein sehr starkes Druckmittel – ich weiß nicht, ob es jemals zum Einsatz kommen wird. Sicher aber ist: Wir sollten unsere Abhängigkeit verringern. Denn wir sehen: Wenn der Bedarf in den Erzeugerländern groß ist, reservieren diese als Erstes die Medikamente für sich selbst. Daher empfehle ich den Aufbau eines nationalen Arzneimitteldepots.

Wie könnte das aussehen?

Es könnte nach dem Prinzip eines rollierenden Systems funktionieren, in dem regelmäßig die Bestände erneuert werden und nichts verfällt. So würde zum einen die Erpressbarkeit verringert – aber viel wichtiger noch: Ein nationales Depot würde das Risiko von Engpässen minimieren, das dadurch entstanden ist, dass der Handel mit Arzneimitteln immer stärker ökonomisiert wurde.

Wie genau ist das passiert?

Heute gibt es keine Lager mehr, Just-in-time-Lieferungen sind an der Tagesordnung. Wenn Unvorhersehbares eintritt, zum Beispiel brennt eine Fabrik ab oder – viel schlimmer noch – es kommt zum pandemiebedingten Produktionsstopp, ist die Lieferung an Medikamenten schnell unterbrochen. Die ökonomischen Prinzipien der sogenannten Lean-Production, also der schlanken Produktion, können meinetwegen in der Modebranche Anwendung finden. Aber Medikamente sind andere Produkte als Jacken oder Jeans. Von ihnen hängen Leben ab.

Eine zentrale Aussage Ihres Buchs lautet, dass Arzneimittel besondere Güter sind und auch dementsprechend behandelt werden müssen.

In der Tat. Sie sind besonders, weil sie Leben retten. Aber sie können auch viel Schaden anrichten, wenn sie zum Beispiel verfallen und negative Abbauprodukte entwickeln, die teils giftig sind. Leider ist diese Einsicht in den letzten Jahren verloren gegangen. Weil der Profit Einzelner inzwischen mehr zählt als die Volksgesundheit.

Foto: privat
Zur Person

Der promovierte Pharmazeut Franz Stadler, geboren 1962, führt seit 30 Jahren eine Apotheke im oberbayerischen Erding. Dort betreibt Stadler auch ein eigenes Labor, in dem er Medikamente für die Chemotherapie herstellt. Sein Buch „Medikamenten-Monopoly. Die unheilvolle Welt der Arzneimittel“ ist im Murmann Verlag erschienen.

Wen identifizieren Sie als Hauptverantwortlichen für diese Entwicklung?

Für mich sind das eindeutig die multinationalen Pharmakonzerne. Für patentierte Arzneimittel können die Konzerne den Preis bei der Zulassung frei festsetzen. Nach einem Jahr gibt es dann eine staatliche Überprüfung und meistens eine – in den meisten Fällen sehr geringfügige – Preisanpassung. Diese wird oft von den Unternehmen antizipiert und anfänglich draufgeschlagen.

Aber sind nicht auch die Forschungskosten immens?

Natürlich haben die Pharmakonzerne hohe Kosten. Auch mit generischen Produkten, also jenen Medikamenten, die nicht mehr dem Patentschutz unterliegen, machen Konzerne wenig Profit. Dennoch: Die Gewinne übersteigen die Kosten bei weitem. Die Pharma-Multis plündern regelrecht unser Solidarsystem. Die jährlich steigenden Krankenkassenbeiträge fließen weitgehend in die Taschen der Pharmaindustrie.

Kommt dieses System bald an seine Grenzen?

Das befürchte ich. Wenn es so weitergeht, wird der Punkt kommen, an dem die Kassen gewisse Medikamente nicht mehr bezahlen. Und dann entscheidet, wie es bereits in den USA der Fall ist, der Geldbeutel über die Gesundheit. Die Grundversorgung wird zwar weiterhin finanziert werden, aber für Topleistungen wird man selbst bezahlen müssen. Dann wäre unser solidarisches Gesundheitssystem ad acta gelegt.

Wie könnte man diese Entwicklung stoppen?

Der Patentschutz für neu entwickelte Medikamente gilt für eine Zeitspanne von 20 Jahren. Davon muss man fairerweise acht Jahre abziehen – so viel Zeit benötigen die Firmen durchschnittlich für die Entwicklung. Dann bleiben aber immer noch zwölf Jahre. In dieser Zeit wird das große Geld gemacht. Der Patentschutz wirkt recht einseitig.

Und wie kann es anders laufen?

Ist der Patentschutz einmal erteilt, gilt er fix für 20 Jahre. Mein Vorschlag wäre es, die Dauer des Schutzes flexibel zu verkürzen, wenn der Medikamentenpreis bei den Konzernen zu überhöhten Gewinnen führt. Diese Handhabe gibt es bislang nicht.

Das umzusetzen, könnte auch ein schwieriges Unterfangen werden.

Ja, denn dafür braucht es zunächst den politischen Willen. Außerdem agieren die Konzerne weltweit, ein einzelnes Land wie Deutschland kann da wenig ausrichten. Hier müsste man zumindest auf EU-Ebene eine einheitliche Regelung finden.

Ist die Pharma-Lobby zu stark?

Ihr Einfluss auf die Politik ist ungebrochen. Was man etwa auch daran sieht, dass ein ehemaliger Lobbyist, Markus Leyck Dieken, seit Mitte 2019 die Gematik GmbH leitet, welche zu 51 Prozent in Händen des Bundesgesundheitsministeriums liegt. Die Gematik bereitet im Auftrag der Bundesregierung die Digitalisierung des Gesundheitswesens vor. Herr Dieken war zuvor in Diensten von Novartis und anderen großen Pharmabetrieben tätig. Außerdem war er Vorsitzender des Lobbyverbands Pro Generika.

Lesen Sie auch: Dämpfer im Kampf gegen Corona: Pfizer: Nur die Hälfte des Impfstoffs lieferbar

Unser ganzes Leben ist vom digitalen Wandel betroffen. Was ist gegen die Digitalisierung des Gesundheitswesens einzuwenden?

Die konkrete Ausführung bereitet mir Bauchschmerzen. Leyck Dieken sagt Dinge wie: „Wir werden die elektronische Patientenakte zum Flugzeugträger des Gesundheitswesens machen.“ Damit kann nur die Erschließung neuer Geschäftsfelder gemeint sein, wie zum Beispiel Auswertung und Handel mit Versorgungsdaten oder auch gezielte Werbung für Pharmaprodukte. Ich habe die Sorge, dass ein verstecktes Ziel sein könnte, den Medikamentenkonsum indirekt anzukurbeln. Freilich: Öffentlich würde man das nie zugeben.

Wo sehen Sie denn handfeste Gefahren?

Die Digitalisierung wird die Versorgungsstruktur ändern. Früher wurden Rezepte über Rechenzentren zu den Kassen weitergeleitet. Die Telematik – der Begriff setzt sich aus Telekommunikation und Informatik zusammen –, die von der Gematik eingeführt wird, wird alles zentralisieren: Der Arzt gibt ein Rezept in den Server, der Patient muss den zugesandten QR-Code scannen und bekommt schließlich das Medikament über die Apotheke oder den Versandhandel.

Der Medikamentenerwerb wird so bequemer.

Und gefährlicher. Jährlich werden in Deutschland zirka 500 Millionen Rezepte ausgestellt. Die künftig zentrale Lagerung der Rezepte in digitaler Form wurde jetzt an das IT-Unternehmen IBM vergeben. Ich finde es sehr bedenklich, wenn 500 Millionen E-Rezepte künftig nicht auf deutschen, sondern auf amerikanischen Servern liegen. Zudem: Der Schweizer Konzern Zur Rose wurde mit der Ausgestaltung des E-Rezepts beauftragt. Er ist gleichzeitig Mutterkonzern der Online-Apotheke DocMorris. Diese Verquickung ist brandgefährlich. Ich sehe Interessenskonflikte innerhalb des Konsortiums programmiert – Zur Rose möchte an die Daten, um neue Werbemöglichkeiten zu erschließen, DocMorris darf sie aber eigentlich nicht preisgeben.

Sehen Sie weitere Nachteile von E-Rezepten?

Das E-Rezept wird den Versandhandel begünstigen – schließlich müssen Rezepte nicht mehr in Papierform per Post an den Versandhändler geschickt werden. In den Koalitionsvereinbarungen wurde noch ein Verbot des Versands verschreibungspflichtiger Medikamente festgehalten. Das aber hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn abgeräumt.

Was ist das Problem, wenn dieses Verbot nicht kommt?

Dass dann die wichtige Kontrollfunktion der Apotheken entfällt. Viele Medikamente müssen fachgerecht gekühlt werden und der Empfänger muss in der Lage sein, zu überprüfen, ob diese Bedingungen während des Versands gewährleistet wurden. Ich bezweifle, dass die Verbraucher dazu befähigt sind. Gleichzeitig könnte die Verbindung von Telemedizin und Arzneimittelversand dazu führen, dass die Verschreibungspflicht faktisch ausgehöhlt wird. Um sinnvolle Diagnosen zu fällen, muss ein Arzt einen Patienten sehen – das ist meine Meinung. Ebenso muss der Apotheker den Patienten sehen, dem er die Arzneimittel aushändigt.

Was würde sonst drohen?

Mehr Menschen könnten abhängig von Medikamenten werden, im schlimmsten Falle käme es zu einer ähnlichen Dynamik wie bei der Opioid-Krise in den USA.

Die Politik hat gerade allerdings andere Sorgen – sie hat ausreichend damit zu tun, die Corona-Pandemie einzudämmen.

Auch deswegen gibt es nicht die breite Debatte um Arzneimittelsicherheit, die es dringend bräuchte. Wenn das E-Rezept mit den vorgesehenen Strukturen erst einmal da ist, ist es zu spät. Deswegen müssen wir gerade jetzt auf die Problematiken aufmerksam machen. In den Anfangszeiten der Pandemie waren es übrigens die dezentralen Apotheken, die Desinfektionsmittel hergestellt haben. Sie kamen nicht von DocMorris.