Die Corona-Krise brachte das Fass zum Überlaufen: Weltweit scheiden tausende Pflegekräfte aus ihrem Beruf aus. Foto: AP/Luca Bruno

Stress, Erschöpfung, Traumatisierung, Burnout: Der immense Druck in der Corona-Pandemie setzt Pflegekräften so stark zu, dass Millionen Fachkräfte aus dem Beruf ausscheiden wollen, warnt der Weltbund der Krankenschwestern und Krankenpfleger. „Die Belastung, unter der Pflegekräfte stehen, ist inakzeptabel, und es ist keine Überraschung, dass so viele den Druck spüren und entscheiden, dass sie in ihren geliebten Jobs nicht mehr weitermachen können“, warnte Annette Kennedy, Präsidentin des International Council of Nurses (ICN).

3000 Pflegekräfte starben in der Corona-Krise

Die Pandemie könnte bereits in der zweiten Jahreshälfte zu „einem Massenexodus aus dem Beruf“ führen, so der Verband. Es sei davon auszugehen, dass die Arbeitslast, die mangelhafte Ausstattung der Kliniken, die Gefahr eines Burnouts und generell der Stress die Ursachen dafür seien.

Weltweit, wie hier in Frankreich, gehen Krankenschwestern und -pfleger wegen schlechter Arbeitsbedingungen auf die Straße. Foto: imago/Hans Lucas

Durch die Pandemie bis zur körperlichen und geistigen Erschöpfung getrieben, erreichen „Pflegekräfte den Punkt, an dem sie alles gegeben haben, was sie können“, erläuterte ICN-Chef Howard Catton in Genf. Nach Einschätzung der ICN sind weltweit rund 3000 Krankenschwestern und -pfleger an oder mit Covid-19 gestorben. Das sei aber aufgrund mangelnder Daten eher eine grobe Untertreibung.

Schon zu Beginn der Pandemie fehlten sechs Millionen Pflegekräfte

Die Personal-Situation werde verschlimmert durch den strukturellen Engpass. Schon am Beginn der Pandemie vor rund einem Jahr habe es weltweit sechs Millionen Pflegekräfte zu wenig gegeben. Bis 2030 würden weitere vier der derzeit 27 Millionen Pflegerinnen und Pfleger altersbedingt ausscheiden, hieß es.

Pflegepersonal protestierte auch in Berlin für faire Bezahlung. Foto: imago/Christian Ditsch

Sollten sich die Befürchtungen des ICN, der 130 Mitgliedsländer hat, bestätigen, könnte der weltweite Fachkräftemangel laut Catton auf fast 13 Millionen steigen. Das müsse ein Weckruf für alle Regierungen sein, in die Ausbildung neuer Kräfte zu investieren. „Wir könnten vor einem Abgrund stehen“, sagte Catton und forderte auch eine bessere Bezahlung im Pflegebereich. 2500 Euro bekommen Pflegefachkräfte im Monat. Das Durchschnittsgehalt in Deutschland beträgt dagegen fast 4000 Euro.

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In Deutschland sind seit Beginn der Corona-Pandemie bereits tausende Pflegekräfte aus dem Beruf ausgeschieden, wie Zeitungen der Funke Mediengruppe unter Berufung auf Zahlen der Bundesagentur für Arbeit berichteten. Betroffen seien Krankenhäuser ebenso wie die Altenpflege. Demnach ging die Zahl der Beschäftigten in der Pflege zwischen Anfang April und Ende Juli 2020 um mehr als 9000 zurück – dies entspreche einem Rückgang um 0,5 Prozent.

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Dem Bericht zufolge waren alle 16 Bundesländer betroffen. Im klinischen Bereich sei der Rückgang des Personals in Bremen mit 1,7 Prozent am stärksten, gefolgt von Sachsen-Anhalt, Thüringen, dem Saarland und Rheinland-Pfalz. Berlin liegt mit -0,55 Prozent mit Platz 9 aller Länder im Mittelfeld.

In der Altenpflege habe Hessen mit einem Minus von 1,6 Prozent von April bis Ende Juli 2020 den größten Einbruch verzeichnet. Danach folgten Bremen, Bayern, Hamburg und Niedersachsen. Berlin verzeichnete mit einem Minus von -0,11 Prozent (Platz 4) einen der geringsten Einbrüche. Aber: Im Jahresvergleich verlor Berlin am meisten Pflegekräfte. Im Zeitraum von Mitte 2019 bis Ende Juli 2020 verzeichnete Berlin als einziges Bundesland mit -0,02 Prozent einen Beschäftigungsrückgang.

Der ICN forderte bessere Löhne und Arbeitsbedingungen, flexible Arbeitsregelungen insbesondere für ältere Krankenschwestern und Unterstützung bei der Bewältigung der Traumata des vergangenen Jahres. Weltweit seien die Pflegekräfte bis zum Äußersten strapaziert worden. „Wir haben immer noch die Chance, sie zu beschützen, aber die Zeit ist knapp: Wir haben eine Minute vor Mitternacht und die Uhr tickt“, warnte ICN-Vorstandschef Howard Catton.