Ein Arzt behandelt einen kleinen Jungen. Die Versorgungslage in Kinderkliniken ist dramatisch. imago/Westend61

Ärzteverbände prangern dramatische Versorgungsengpässe und Missstände in Kinderkliniken an. Grund sei vor allem Personalmangel – viele Betten könnten nicht belegt werden. Mit den im Herbst üblichen Infektionswellen drohe eine komplette Überlastung.

„Die Lage der Kinderkliniken ist dramatisch und wird sich eher noch verschärfen“, warnte der Präsident der Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, Jörg Dötsch in den Zeitungen der Funke-Mediengruppe vor Engpässen bei der klinischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen.

Teils ist die Hälfte der Betten in Kinderkrankenhäusern nicht belegbar

„Im Herbst waren nahezu alle Kinderkliniken komplett überlastet. Das kann im kommenden Herbst wieder drohen, wenn sich die Lage bis dahin nicht ändert“, so Dötsch.

In vielen deutschen Kinderkliniken könnten auf den Kinderintensivstationen im Schnitt ein Drittel der Betten wegen Personalmangels nicht genutzt werden. In manchen Kliniken ist sogar die Hälfte nicht mehr belegbar, beschreibt der Generalsekretär der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, Florian Hoffmann, die desolate Lage.

„Wenn es Infektionswellen gibt, wie sie im Herbst in der Regel vorkommen, haben wir keine Chance, alle Kinder zu versorgen.“

Bettenzahl in Kinderkliniken stark gesunken

Auch zu normalen Zeiten kommt es laut Dötsch vor, dass sechs oder sieben Kliniken durchtelefoniert werden, bis ein passendes Bett gefunden ist. Zum Teil müssten Kinder bis zu 100 Kilometer von zu Hause entfernt behandelt werden. „Es ist auch schon vorgekommen, dass wir Kinder über die Grenze nach Luxemburg, Belgien oder in die Niederlande verlegt haben.“ Für die Kinder und Familien sei das eine Riesenbelastung.

Nach Angaben der Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin ist zwischen 1991 und 2017 die Bettenzahl in der Pädiatrie um ein Drittel gesunken. Im gleichen Zeitraum stiegen die jährlichen Fallzahlen aber: von durchschnittlich 900.000 behandelten Kindern und Jugendlichen auf inzwischen mehr als eine Million.

Abwärtstrend in Kinderkliniken vorerst nicht zu stoppen

Dötsch sagte, die Versorgung von Kindern im Krankenhaus sei schwerer zu kalkulieren als die von Erwachsenen. Rein wirtschaftlich rechneten sich Kinderkliniken daher oft nicht. Dazu kämen verbindliche Personaluntergrenzen: So dürfe sich eine Pflegekraft zum Beispiel nachts maximal um zehn Kinder kümmern. Bei jedem weiteren Kind müsse eine zusätzliche Kraft eingeplant werden – die oft fehle. Das führe dazu, dass viele Betten mangels Personals nicht zu betreiben seien.

Selbst wenn die Politik jetzt gegensteuert, werden Veränderungen frühestens in einigen Jahren greifen, sagte Hoffmann. Der Trend werde erst mal noch weiter bergab gehen.