Ein Arzt untersucht in einer Kinderklinik ein Kind, derzeit sind die Einrichtungen völlig überlastet.
Ein Arzt untersucht in einer Kinderklinik ein Kind, derzeit sind die Einrichtungen völlig überlastet. dpa/Sebastian Gollnow

Die Welle an RSV-Infektionen bringt Kinderkliniken ans Limit. Auf der Suche nach einem freien Krankenhausbett werden Kinder mit Atemwegsinfekten teils in weiter entfernte Kliniken verlegt. Ein Ende der aktuellen Notsituation ist nicht in Sicht. Deshalb drängen Mediziner zum Handeln. In einem Brief an Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) macht jetzt das Kinder- und Jugendkrankenhaus Auf der Bult in Hannover auf die prekäre Lage in Kinderkliniken aufmerksam und fordert kurzfristige Hilfe.

Klinikmitarbeiter schieben Extraschichten

„Die Situation ist dramatisch“, beschreibt Agnes Genewein, Vorständin des Kinder- und Jugendkrankenhauses Auf der Bult, die Not. „Mitarbeitende der Kliniken arbeiten abseits des üblichen Dienstplans mit zusätzlichen Einsätzen, um Kinder sicher zu versorgen.“ Denn die Einrichtung verzeichnet wie etliche andere bundesweit deutlich mehr RSV-Infektionen – mit der Folge, dass kranke Kinder nicht behandelt werden können und bereits geplante Termine für andere Patienten und Patientinnen verschoben werden müssen.

Lage in Kinderkliniken könnte sich weiter zuspitzen

„Wir müssen derzeit damit rechnen, dass sich die Lage zuspitzt – daher ist es nötig, dass wir jetzt handeln, damit alle Kinder medizinisch versorgt werden können“, so Genewein weiter.

Regionspräsident Steffen Krach sieht dabei das Land Niedersachsen und den Bund in der Pflicht: „Die Unterfinanzierung der Kliniken führt inzwischen zu massiven Problemen. Die Krankenhäuser können bei einem so starken Infektionsgeschehen, wie wir es jetzt erleben, ihrem Auftrag nicht mehr in dem Umfang gerecht werden, wie wir uns das wünschen. Bund und Land müssen die Krankenhausfinanzierung grundsätzlich ändern, damit auch Vorsorge finanziert wird und nicht mehr nur die Behandlung.“

In ihrem Brief fordern Dr. Genewein und Krach, dass die Einstufung der RSV-Behandlung – aktuell 0,5 Casemix-Punkte – erhöht und zudem eine Freihaltepauschale analog zur Corona-Regelung gezahlt wird.

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Steffen Krach, Regionspräsident von Hannover, fordert mehr Finanzhilfen vom Bund.
Steffen Krach, Regionspräsident von Hannover, fordert mehr Finanzhilfen vom Bund. imago/Future Image

Derzeit werden allein im Kinder- und Jugendkrankenhaus Auf der Bult täglich 20 bis 25 Kinder mit schweren Atemwegsstörungen aufgenommen. Für diesen Bedarf müssen Kapazitäten geschaffen oder frei gehalten werden. Die schlechtere Bezahlung von RSV-Erkrankungen im Vergleich zu elektiven Eingriffen, die nun abgesagt werden, führt überdies zu geringeren Einnahmen.

„Ein medizinisches Handeln bedroht die wirtschaftliche Existenz der Kinderkliniken“, fasst Krach zusammen. Da die Situation in anderen Bundesländern ähnlich sei, müssten Bund und Länder schnell handeln.

Das Kinder- und Jugendkrankenhaus Auf der Bult hat mittlerweile eine Taskforce einberufen, die die Patientensteuerung übernimmt und die Verlegung von Kindern an Kliniken weit über die Grenzen Niedersachsens hinaus organisiert.

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RSV (Respiratorisches Synzytial-Virus) ist ein weltweit verbreiteter Erreger von akuten Erkrankungen der oberen und unteren Atemwege in jedem Lebensalter; schwer erkranken daran insbesondere Säuglinge und Kleinkinder. Die Kinderintensivstationen sind wegen des aktuellen Infektionsgeschehens voll belegt.