Präsident John F. Kennedy und seine Ehefrau Jacqueline verlassen die Air Force One nach der Ankunft in Dallas. Ein Kompromiss mit Nikita Chruschtschow verhinderte in der Kubakrise einen Atomkrieg. 
Präsident John F. Kennedy und seine Ehefrau Jacqueline verlassen die Air Force One nach der Ankunft in Dallas. Ein Kompromiss mit Nikita Chruschtschow verhinderte in der Kubakrise einen Atomkrieg.  imago / stock&people

Voll Angst blickte die Welt im Oktober 1962 auf Kuba. Im Streit um die Stationierung sowjetischer Atomwaffen standen die Supermächte im Kalten Krieg am Rand eines Atomkriegs. Abgewendet wurde die Gefahr mit geheimen Vereinbarungen und Kompromissen. 

Lesen Sie auch: Kreml-Insider: „Immer mehr Russen verstehen, dass Putins Zeit abgelaufen ist“ – SO könnte er friedlich abtreten >>

Die Historiker sind sich einig: Nie stand die Menschheit wohl so nah vor einem Atomkrieg wie vor 60 Jahren im Kalten Krieg während der Kubakrise zwischen den USA und der Sowjetunion. Es ging um die Stationierung sowjetischer Nuklearraketen auf der Karibikinsel, rund 150 Kilometer südlich von Florida. Die Katastrophe wurde mithilfe von Diplomatie verhindert, sodass beide Mächte bei einer - rückblickend gesehen unkomplizierten - Vereinbarung einen Vorteil für sich bekommen haben. Die heiße Phase der Kubakrise dauerte von 16. bis 28. Oktober 1962.

Lesen Sie auch: Das Fahrrad schenkte ihnen das größte Glück – und nahm ihnen die geliebte Tochter>>

Auch heute stehen wieder Atomdrohungen im Raum. Die Vorzeichen von damals haben sich grundlegend gewandelt. Russland ist längst nicht mehr die Supermacht in den damals festzementierten Blöcken Ost und West. Dennoch lohnt ein Blick in die Geschichte für den rationalen Umgang mit Putins Drohkulisse. 

Rundfunk- und Fernsehansprache des US-Präsidenten John F. Kennedy

Die Weltöffentlichkeit erfuhr am 22. Oktober in einer Rundfunk- und Fernsehansprache des US-Präsidenten John F. Kennedy von der Krise: Die Sowjetunion habe in Kuba „offensive Raketenstellungen“ gebaut, warnte der junge Präsident, um „eine nukleare Angriffskapazität gegen die westliche Hemisphäre zu schaffen“. Aufklärungsflüge hätten das entdeckt und Kennedy am 16. Oktober informiert. Es handelte sich um Abschussrampen für sowjetische Raketen, die Nuklearsprengköpfe tragen können. Die Mittelstreckenraketen seien in der Lage, die Hauptstadt Washington und zahlreiche große Städte in der westlichen Hemisphäre zu treffen, erklärte Kennedy.

Lesen Sie auch: Ist DAS Putins Atomkrieg-Plan? Russland annektiert AKW Saporischschja – es steht genau an der Front!>>

Und er drohte: Ein Raketenbeschuss der USA würde „einen umfassenden Vergeltungsschlag gegen die Sowjetunion“ zur Folge haben. US-Ziel sei es, „den Abzug oder die Beseitigung“ der Raketen sicherzustellen. Er kündigte fürs Erste eine Seeblockade der Insel an. US-Streitkräfte müssten für „alle Eventualitäten“ bereit sein.

In der Kuba-Krise musste es schnell gehen 

Die Krise ist heute umfassend dokumentiert. Tonbandaufnahmen von Beratungen im Weißen Haus zeugen vom Druck der US-Militärs, rasch zu handeln. Geheimdokumente der Sowjetunion, der USA und Kubas sind veröffentlicht. Die Vereinigten Stabschefs der USA, die militärische Führung, soll demnach im Fall einer Invasion von Kuba auf den Verlust von 18.500 Menschenleben vorbereitet gewesen sein.

Lesen Sie auch: Alec Baldwin: Einigung mit Familie von erschossener Kamerafrau>>

Die Interna sind einsehbar in der Kennedy-Bücherei in Boston in Massachusetts, dem staatlichen Nationalarchiv in Washington und dem unabhängigen „National Security Archive (NSA)“, ebenfalls in Washington. Verteidigungsminister Robert McNamara sprach in einem 1964 in der Kennedy-Bücherei veröffentlichten Interview rückblickend von der realen Gefahr eines Weltkrieges.

Sowjets gegen Berlin 

Die Sowjetunion werde auf US-Luftangriffe auf die Raketenstellungen reagieren, habe Präsident Kennedy gewarnt. Die Sowjets könnten dann kriegerisch gegen Berlin vorgehen, was „uns keine Alternative außer einer Antwort mit Nuklearwaffen geben würde“. Die Vereinigten Stabschefs hätten diese Umstände erkannt, sagte McNamara. Die obersten Militärs hätten die Raketen dennoch zügig zerstören wollen. Es sei ihnen um „die Glaubwürdigkeit der USA“ gegangen.

Lesen Sie auch: Nato warnt vor Atomtorpedos „Poseidon“: Testet Kremlchef Putin jetzt seine „Waffe der Apokalypse“?>>

Angefangen hat die ganze Sache 1959 lange vor den „dreizehn Tagen“ der Raketenkrise mit der kubanischen Revolution gegen den US-freundlichen Diktator Fulgencio Batista. US-Präsident Dwight Eisenhower und sein Nachfolger Kennedy waren „not amused“, als Kubas neuer Staatschef Fidel Castro ausländisches Eigentum enteignete und die Nähe zur Sowjetunion suchte.

Im Mai 1962 spricht Fidel Castro in Havanna zu den Massen.
Im Mai 1962 spricht Fidel Castro in Havanna zu den Massen. Keystone /www.imago-images.de 

Lesen Sie auch: Feuer auf Russlands Krim-Brücke: Schwere Schäden und Rätseln um die Ursache >>

Aktion Anadyr - Atomwaffen auf Kuba 

Der Geheimdienst CIA schmiedete Mordpläne gegen Castro. Im April 1961 scheiterte eine von den USA finanzierte Invasion der Insel, die „Invasion in der Schweinebucht“. Die Sowjetregierung genehmigte im Juni 1962 die „Operation Anadyr“ zur Stationierung von Atomwaffen in Kuba, so steht es heute auf der Webseite des National Security Archive. In der damaligen Logik vom „Gleichgewicht des Schreckens“ galt das als Konter zu US-Raketen in der Türkei nahe der Sowjetunion.

Lesen Sie auch: Update! Die miesen Tricks der Supermärkte: So mogeln Discounter & Co. bei Verpackungen und erhöhen heimlich Preise!>>

Kennedy und der sowjetische Partei- und Regierungschef Nikita Chruschtschow zogen in der Kubakrise letztendlich die politische und diplomatische Notbremse: Im Stillen wurde ein Kompromiss ausgehandelt. Er sah unter anderem vor: eine geheime US-Zusage zum Abzug der Raketen aus der Türkei, den sowjetischen Abzug der Raketen auf Kuba sowie den Verzicht der USA auf eine Invasion von Kuba.

Heißer Draht wurde in der Kuba-Krise installiert 

Durch die Kubakrise wurde auch deutlich: Ein Nuklearkrieg muss auf jeden Fall vermieden werden. 1963 wurde eine direkte Fernschreibverbindung zwischen dem Kreml und dem Weißen Haus installiert, der „heiße Draht“.

Nach Ansicht von NSA-Direktor Tom Blanton hat sich die Geschichtsschreibung bezüglich der Krise gewandelt. Die „alte Geschichtsschreibung“ in den Jahren unmittelbar nach der Kubakrise habe die Idee betont, Kennedy habe mit starker Hand Chruschtschow zum Einlenken gezwungen, sagte Blanton dem Evangelischen Pressedienst. Die Moderne realisiere, dass man das Abwenden der Gefahr Kompromissen verdanke.

Heute droht Russland im Ukrainekrieg mit Nuklearwaffen. Tom Blanton sagt, er habe den Eindruck, dass hochrangige Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Regierung von Joe Biden sich bei der Ukraine-Politik an Lektionen der „neuen Geschichtsschreibung“ orientierten.