Alexej Nawalny (44) erholt sich noch in Deutschland, will aber nach Russland zurückkehren.   Foto: Evgeny Feldman/Navalny's campaign pool/AP/dpa

Moskau/Berlin - Alles erstunken und erlogen. Das ist die Reaktion der russischen Staatsführung auf  Enthüllungen im Vergiftungsfall des russischen Oppositionellen Alexej Nawalny. Er und das britische Recherche-Team Bellingcat hatten den Mitschnitt eines Telefonats veröffentlicht, das den Schluss zulässt: Der Geheimdienst FSB steckt hinter dem Anschlag auf Nawalny. Der FSB kündigte Ermittlungen gegen Nawalny wegen der „Fälschung“ an.

In der Tat liest sich das Protokoll des Gesprächs, das Nawalny als „Maxim Ustinow“ mit einem mutmaßlichen FSB-Agenten führte, wie im Krimi. „Ustinow“ rief den Mann am 14. Dezember an und tat so, als brauche er als Mitarbeiter des Chefs des russischen Sicherheitsrats schnell Infos, warum das Attentat im August nicht gelungen sei. Der Angerufene wundert sich zwar ein bisschen, dass er auf einer offenen Leitung kontaktiert wurde, kannte aber die dienstliche Nummer, die ihm angezeigt wurde. Sie war manipuliert.  

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In der Folge packte der Mann aus: Das Kontaktgift sei von Kollegen in der sibirischen Stadt Tomsk auf die Innenseite einer Unterhose Nawalnys praktiziert worden. Er selbst habe die Spuren in der Kleidung beseitigt, die Nawalny im Krankenhaus von Omsk ausgezogen worden war.

„Ustinow“ konnte den Gesprächspartner laut Transskript davon überzeugen, eine Erklärung zu liefern, warum Nawalny überlebte: Nachdem er während des Fluges von Tomsk nach Moskau kollabiert war, landete die Maschine außerplanmäßig in Omsk, Nawalny bekam Gegengift.

Nach einigen Tagen wurde der Bewusstlose nach Berlin in die Charité geflogen, wo er nach Wochen erwachte. 

Nawalny wird am 20. August 2020 auf dem Flughafen von Omsk bewusstlos in einen Rettungswagen geschoben. Im Krankenhaus dort wird er mit Atropin und damit richtig behandelt. Später wurde aus Moskau geraunt, er sei erst in Berlin vergiftet worden. 

Quelle: Twitter

Labore der Bundeswehr, in Schweden, Frankreich und der Organisation gegen die Verbreitung chemischer Waffen (OPCW) fanden das Nervengift Nowitschok als Ursache für die Vergiftung Nawalnys. Der hält sich noch in Deutschland auf und macht Russlands Präsident Wladimir Putin für den Vergiftungsbefehl persönlich verantwortlich. 

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Das Telefonat war laut Bellingcat nur einer von verschiedenen Versuchen, FSB-Geheimdienstler zu erreichen: Die acht Männer, die Bellingcat zuvor in Zusammenarbeit unter anderem mit dem russischen Portal The Insider als das Team identifiziert hatte, das Nawalny seit 2017 beschattet habe. Bis auf den einen Mann verweigerten die anderen mutmaßlichen Agenten Auskünfte und legten auf. Einer soll gesagt haben: „Ich weiß genau, wer Sie sind.“

Russland hat jetzt über deutsche Regierungsmitarbeiter ein Einreiseverbot verhängt, sagt aber nicht, gegen wen. Es sei eine Reaktion auf Einreisesperren Deutschlands unter anderem gegen den FSB-Chef Alexander Bortnikow wegen der Nawalny-Vergiftung.

Eine lange Schlange von Leichenwagen holte die aus der Ukraine heimgeholten niederländischen Toten des Fluges MH-17 vom Flughafen ab.
Foto: imago images/Hollandse Hoogte

Bellingcat dürfte sich inzwischen zum Hassobjekt des Kreml entwickelt haben. Die Briten hatten bereits  glaubwürdig dargelegt, dass zwei russische Militär-Agenten 2018 versuchten, ihren Ex-Kollegen und Überläufer Sergej Skripal in Salisbury mit Nowitschok zu töten (eine unbeteiligte Frau starb). Bellingcat lieferte auch von der russischen Führung bestrittene Belege, dass 2014 ein Passagierflugzeug vom ostukrainischen Rebellengebiet aus mit einer Rakete des russischen Militärs abgeschossen wurde. Es gab 298 Tote, darunter viele Niederländer auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur.