„Wir schließen“ steht an diesem Geschäft. Die Zahl der Insolvenzen wird noch stark steigen, befürchten Experten. Imago Images/Photothek

Geschlossene Warenhäuser, verrammelte Boutiquen, verunsicherte Kunden: Die Corona-Krise könnte zur Verödung etlicher Einkaufsstraßen in Deutschland führen. Der Handelsverband HDE rechnet mit Umsatzeinbußen von 40 Milliarden Euro abseits des Lebensmittelhandels. Das könne 50.000 Geschäfte die Existenz kosten. In Berlin befürchtet man für 2020 mindestens 1,8 Milliarden Euro Umsatzverlust. Doch es gibt auch Profiteure, die nach einer Pleitewelle die Innenstädte für sich reklamieren könnten – Discounter und Billigketten. Ein Schreckensszenario?

Noch sieht es in vielen Einkaufsstraßen nicht sehr anders aus als vor der Corona-Krise. Vielleicht sind etwas weniger Leute unterwegs. Doch die meisten Läden haben wieder geöffnet, und die Zahl der Pleiten hält sich in Grenzen. Das allerdings dürfte sich ab Herbst ändern, sagen Experten. Und dabei haben sie nicht nur die Filialen des Krisen-Konzerns Karstadt-Kaufhof im Blick. Von ihnen konnten zwar einige vor dem Aus gerettet werden, etwa im Lichtenberger Ring-Center. Aber aus Ökonomen-Sicht ist die Krise bei Karstadt nur die Spitze des Eisbergs.   

Ein „dreifacher Tsunami“ trifft die Innenstädte

„Die Innenstädte haben es mit einem dreifachen Tsunami zu tun: dem Strukturwandel im Einzelhandel, der Digitalisierung und der Corona-Pandemie“, sagt Boris Hedde, Chef des Instituts für Handelsforschung. Zusammen sei das für den Handel „eine Herausforderung, wie er sie vielleicht noch nie erlebt hat“. Auch Marco Atzberger, Experte des Forschungsinstituts EHI, warnt: „Der Abschmelzungsprozess, den wir seit Jahren im stationären Handel und besonders im Textilhandel beobachten, wird durch die Corona-Krise noch einmal beschleunigt.“ 

Der Handelsverband Berlin-Brandenburg erwartet eine massive Pleitewelle im Berliner Einzelhandel. Besonders betroffen sei der Non-Food-Bereich, sagt Verbandschef Nils Busch-Petersen dem „Neuen Deutschland“. Er befürchtet, dass bis zu ein Drittel der Geschäfte die Corona-Krise nicht überleben wird. Gefährdet sei sogar jedes zweite Unternehmen. „Aufs ganze Jahr bezogen, rechnen wir inzwischen mit mindestens 1,8 Milliarden Euro Umsatzverlust in Berlin“, so Busch-Petersen. Hauptursache sei die Kaufzurückhaltung der Kunden.

Die Problemfälle häufen sich besonders auch in der Modebranche. Allein die Marke Esprit will im Zuge ihrer Sanierungsbemühungen rund die Hälfte der Filialen in Deutschland schließen, insgesamt rund 50 Geschäfte. Vielen Modeunternehmen ging es schon vor der Pandemie nicht gut. Dem Siegeszug des Onlinehandels und dem Erfolg von umstrittenen Textil-Discountern und Günstig-Ketten wie Primark haben sie wenig entgegenzusetzen.

Lebensmittel-Discounter, Bau- und Möbelmärkte profitieren

Was kommt nach der befürchteten Pleitewelle? Experten erwarten, dass dann die Stunde der Discounter schlägt. Krisensichere Preiswert-Supermärkte und finanzstarke Groß-Ketten könnten in die leerstehenden Geschäfte und Warenhäuser einziehen. Boris Hedde vom Institut für Handelsforschung rechnet damit, dass etwa auch Bau- und Möbelmärkte die Lücke schließen könnten. Große Ketten mit ihrem Einheitsangebot statt kleiner Geschäfte und Traditionskaufhäuser. Monokultur statt Vielfalt. Ist das wirklich wünschenswert – oder ein Schreckensszenario? Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sieht dringenden Handlungsbedarf zur Rettung gerade kleiner Läden.

„Wir müssen Konzepte zur Wiederbelebung der Innenstädte entwickeln“, sagt Altmaier. Es komme darauf an, die Zentren interessanter zu gestalten, aber auch die Digitalisierung berge Chancen. „Wir müssen Geschäftsinhabern dabei helfen, ihre Kundenbeziehungen so zu digitalisieren, dass es auch den Modeläden und Schuhgeschäften zugute kommt“, so Altmaier. Seine Idee: Wenn ein Kunde online bestellen will, sollte er das nicht beim Hersteller tun müssen, sondern die Ware zum gleichen Preis auch über den Einzelhändler seiner Wahl online kaufen können.

Streit um Maßnahmen gegen die Krise

Wie die Förderung kleiner Geschäfte konkret aussehen könnte, will Altmaier in den nächsten Wochen erarbeiten. Er kündigt an, die relevanten Akteure Anfang September an einen Tisch zu holen, „um über die wirtschaftlichen Chancen von Digitalisierung für Innenstädte, für Einzelhändler, für die Gastronomie zu sprechen“. Der Bund müsse bereit sein, „notwendige Maßnahmen gemeinsam mit Kommunen und Ländern noch stärker zu unterstützen“. 

Kritik an Altmaiers Vorstoß kommt aus der Wirtschaft. „Eine solche Einzelmaßnahme“ werde die Verödung der Innenstädte nicht stoppen, so Andreas Ibel vom Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmer. Nötig sei ein Maßnahmenbündel, etwa mit flexibleren Öffnungszeiten und kostenlosen Autoparkplätzen. Doch auch kostenlose Parkplätze werden nichts bringen, wenn im Fall einer zweiten Corona-Welle ein zweiter Lockdown verhängt werden muss. Eine erneute Zwangsschließung wäre für noch mehr Geschäfte die Katastrophe. (mit dpa)