Neuseelands Premierministerin umarmt ihren Verlobten Clark Gayford, nachdem sie am Donnerstag ihren Rücktritt verkündet hat.
Neuseelands Premierministerin umarmt ihren Verlobten Clark Gayford, nachdem sie am Donnerstag ihren Rücktritt verkündet hat. dpa/Mitchell

In nur fünf Jahren musste die damals jüngste Ministerpräsidentin mehr Staatskrisen bewältigen als andere Staatschefs in Jahrzehnten: Einen Massenmord, einen tödlichen Vulkanausbruch, die Corona-Krise bewältigte Neuseelands Regierungschefin mit eindrucksvoller Entschlossenheit. Nun tritt sie mit gerade einmal 42 Jahren aus eigenem Entschluss zurück. Ihre Beweggründe und ihre Worte haben es in sich.

Lesen Sie auch: Dramatisches Video: Hai-Alarm direkt am Strand – junge Frau in Lebensgefahr! Panisch flüchten Touristen aus dem Wasser ... >>

Das Wort von der „Jacindamania“ machte die Runde: Jacinda Ardern hat es in wenigen Jahren geschafft, eine der beliebtesten Regierungschefinnen der Welt zu werden. Anders als viele internationale Amtskolleginnen und -kollegen klebt sie nicht an ihrem Amt: Sie tritt in dem Moment zurück, als die großen Krisen ihrer Amtszeit gemeistert sind - und tritt mit einer eindrucksvollen Rede zurück, in der sie ihr Herz öffnet: Sie kann nicht mehr, und will sich zukünftig ihrem Privatleben widmen, sagt sie, bevor Jacinda Ardern ihrem Verlobten Clark Gayford in die Arme fällt. 

Jacinda Ardern: „Ich weiß, dass ich nicht mehr genug im Tank habe. So einfach ist das“

Als sie am Donnerstag ihren Rücktritt ankündigt, lässt die Politikerin ihren Tränen freien Lauf – und niemand legt ihr dies als Schwäche aus. Bis spätestens 7. Februar werde sie ihr Amt aufgeben, sagte die 42-Jährige vor Journalisten. „Ich weiß, was man für diesen Job braucht, und ich weiß, dass ich nicht mehr genug im Tank habe. So einfach ist das“, begründete sie den Schritt. Mehrmals brach ihr die Stimme. „Wir alle geben, solange wir geben können, und dann ist es vorbei. Und für mich ist es nun an der Zeit.“ Im Pazifikstaat gibt es derweil Spekulationen über ihre Nachfolge.

Einer der ersten, der Arderns Leistungen würdigte, war Australiens Premierminister Anthony Albanese. „Jacinda Ardern hat der Welt gezeigt, wie man mit Intellekt und Stärke regiert“, schrieb er auf Twitter und nannte sie eine „Inspiration“. Sie habe bewiesen, dass Mitgefühl und Verständnis starke Führungsqualitäten seien.

Nach dem Attentat von Christchurch umarmte sie Opfer und weigerte sich, den Namen des Täters zu nennen

Damit spielte er vor allem auf die viel gelobte Reaktion der jungen Ministerpräsidentin auf das horrende Attentat eines Rechtsextremisten aus Australien in der Stadt Christchurch an. Im März 2019 erschoss er dort in zwei Moscheen 51 Muslime. Die Bluttat entsetzte die Welt.

Ardern hatte in den Folgetagen dunkle Augenringe, aber sie zeigte, was Empathie und Präsenz in Krisenzeiten bedeuten. Sie umarmte Muslime, trug ein Kopftuch sprach mit Hinterbliebenen, traf den richtigen Ton. „Er wollte viele Dinge mit seinem Akt des Terrors erreichen. Eines davon war, berühmt zu werden. Deshalb werden Sie von mir niemals seinen Namen hören“, sagte sie. Für diese Worte bekommt sie weltweit Anerkennung. Seinen Namen hat sie tatsächlich nie ausgesprochen.

Als Ardern auf Facebook die neuen Corona-Regeln erklärt, wird sie von ihrer dreijährigen Tochter unterbrochen

Ein Rückblick: Mit 37 Jahren wird die Labour-Politikerin 2017 die damals jüngste Ministerpräsidentin der Welt. In nur wenigen Monaten bringt sie es von der Vize-Oppositionsführerin zur Regierungschefin. Ihr kometenhafter Aufstieg trug einen Namen: Jacindamania. Aus der Parlamentswahl 2020 geht sie erneut als große Siegerin hervor. Das Parlament in Wellington ist seither divers wie nie. Zum Kabinett gehören zahlreiche Frauen sowie mehrere Maori und LGBT (Schwule, Bisexuelle und Transgender). Ardern selbst erscheint 2018 zu einem Dinner im Buckingham Palace in London in einem Maori-Federmantel.

Als im Juni 2018 ihre Tochter Neve zur Welt kommt, ist sie die erste Regierungschefin seit Jahrzehnten, die während ihrer Amtszeit Mutter wird. Mit Neves Vater, dem Journalisten Clarke Gayford, ist Ardern seit 2013 zusammen.

Aber sie macht auch nie einen Hehl daraus, dass es schwierig ist, Politik und Privatleben unter einen Hut zu bringen. Große Sympathien erntet sie, als sie bei einem Livestream von ihrer damals dreijährigen Tochter unterbrochen wird. Ardern spricht gerade in einer Facebook-Videobotschaft über neue Corona-Regeln, als im Hintergrund plötzlich die Stimme des Mädchens zu hören ist. „Du solltest im Bett sein, mein Schatz“, sagt Ardern lachend. „Es ist Schlafenszeit. Ich komme gleich und schaue nach dir.“

In der Rücktrittrede richtet sich Ardern an ihre Tochter Neve: „Mama freut sich darauf, wenn Du eingeschult wirst.“

Bereits 2019 kündigten Ardern und ihr Lebensgefährte an, heiraten zu wollen. Auch das hat bislang nicht geklappt. Lächelnd sagte sie am Donnerstag, sie freue sich darauf, wieder Zeit mit ihrer Familie zu verbringen, die wohl am meisten unter ihrem Amt gelitten habe. „Also, an Neve: Mama freut sich darauf, dieses Jahr mit dabei zu sein, wenn Du eingeschult wirst. Und zu Clarke, lass uns endlich heiraten!“

Denn dafür fehlte wohl die Zeit: In Neuseeland gab es zuletzt gleich mehrere schwere Krisen. Neben den Attentaten von Christchurch war das vor allem ein massiver Vulkanausbruch auf der Insel White Island im Dezember 2019, bei dem mehr als 20 Menschen starben, darunter mehrere deutsche Touristen. Nur wenige Monate später brach Corona aus.

Neuseeland kam glimpflich durch die Corona-Pandemie, doch schließlich war „Null-Covid-Strategie“ gescheitert

Arderns Regierung reagierte mit einer der strengsten Ausgangssperren der Welt und riegelte das Land für ausländische Besucher ab. Das Resultat: Neuseeland kam lange sehr glimpflich durch die Krise. Aber es regte sich auch Widerstand gegen die strikte Abschottung. Nach eineinhalb Jahren musste letztlich auch Ardern eingestehen, dass die „Null-Covid-Strategie“ nicht funktioniert. 2021 wurde sie beendet.

Wer wird nun regieren, bis das Land am 14. Oktober zu den Urnen geht? Schon am Sonntag soll ein neuer Vorsitzender der Labour-Partei gewählt werden. Vize-Regierungschef Grant Robertson und Vize-Labour-Chef Kelvin Davis erklärten bereits, dass sie für das Amt des Ministerpräsidenten nicht zur Verfügung stehen. Beobachter nennen Chris Hipkins (44), der während der Corona-Krise der Minister zur Eindämmung der Pandemie war, sowie Justizministerin Kiri Allan (39).

Ardern sagte: „Man kann und sollte den Job nur machen, wenn man einen vollen Tank hat, plus ein bisschen Reserve für die ungeplanten und unerwarteten Herausforderungen, die unweigerlich kommen.“ Ihr Tank ist leer, aber Neuseeland hat viele junge Kräfte mit genug Sp(i)rit.