Die Konzert-Reihe führte den ukrainischen Jugendchor Schtschedryk auch nach Kopenhagen.
Die Konzert-Reihe führte den ukrainischen Jugendchor Schtschedryk auch nach Kopenhagen. AP/James Brooks

Der Krieg hat sie auseinandergetrieben – die Musik brachte sie wieder zusammen. Jetzt erwärmen sie mit ihren Melodien sich und den Europäern die Herzen. Das hat auch mit dem Lied zu tun, das dem Chor seinen Namen gegeben hat.

Lesen Sie auch: Schöne Bescherung! Das Weihnachts-Geschenk gefällt nicht – sollte ich ehrlich sein? Und welche Rechte habe ich beim Umtausch? >>

Aus einem feuchten Kiewer Bombenschutzkeller sind sie in das Licht der Konzerthallen Europas getreten – die Sängerinnen und Sänger des ukrainischen Jugendchores Schtschedryk. Der Krieg in ihrer Heimat drohte sie in alle Winde zu zerstreuen, inzwischen sind sie auf einer Konzerttour, die sie bereits in die New Yorker Carnegie Hall geführt hat und in die Heilig-Geist-Kirche in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen. Mit ihren Hymnen singen sie ein Loblied auf die Freiheit.

Viele Chormitglieder flohen ins Ausland

„Es ist sehr schwer, die Kinder zusammenzubekommen“, sagt Chefdirigentin Marianna Sablina, deren Mutter den Chor 1971 gegründet hat. Nur ein Drittel der Mitglieder lebe noch in Kiew. Einige seien mit ihren Familien wegen des Krieges ins Ausland geflohen. Doch vor einiger Zeit hat sich der Chor wieder versammelt und in Kiew mit Proben begonnen.

Lesen Sie auch: Mal ganz anders! Ex-Puhdy Dieter „Maschine“ Birr: So rocke ich dieses Jahr Weihnachten >>

Der Chor beim Auftritt in Dänemark: Die Mitglieder proben erst seit kurzem wieder gemeinsam in Kiew.
Der Chor beim Auftritt in Dänemark: Die Mitglieder proben erst seit kurzem wieder gemeinsam in Kiew. AP/James Brooks

Lesen Sie auch: Weihnachtsrekorde: Von riesigen Bäumen und winzigen Karten>>

Bombengeheul unterbricht Chorproben

Allerdings wurden sie immer wieder von Bomben, Sirenengeheul und Stromausfällen unterbrochen, mussten in einem dunklen Bombenkeller weitersingen und sich irgendwie Licht besorgen, um ihre Notenblätter erkennen zu können. „Wenn es Sirenen gibt, gehen wir in den Schutzraum und singen einfach mit unseren Mobiltelefonen und Taschenlampen“, sagt die 15-jährige Anastassija Russina. „Ich glaube, wir gewöhnen uns daran, weil es unsere Aufgabe ist. Wir haben ein Konzert, da können wir keine Proben absagen.“

Singen als Hoffnung gegen Tod und Zerstörung

Denn für die Kinder des Schtschedryk-Chors ist Singen Hoffnung. Sie alle wurden schwer vom Krieg getroffen. Sie haben Freunde und Verwandte in den Kämpfen verloren; gesehen, wie russische Bomben Schulen, Kirchen und Straßen der Stadt verwüstet haben; und setzte sich mit der Angst und dem Trauma des Krieges auseinander. Doch sie nutzen die Musik als Mittel gegen Tod und Zerstörung, und um die ukrainische Kultur auf der ganzen Welt zu zeigen.

Das Publikum im Zentrum Kopenhagens lauscht den hellen Stimmen des Chores, der größtenteils aus Mädchen im Teenageralter besteht. Sie tragen schwarze und weiße Kleider, mit roten und schwarzen Quadraten an den Ärmeln und bunten Halsbändern. Im Mittelpunkt des Konzerts steht natürlich „Schtschedryk“ – das weltweit wohl bekannteste ukrainische Volkslied, das dem Chor seinen Namen gegeben hat.

Seine Melodie erinnert mit ihrer immer wiederkehrenden kleinen Terz an Weihnachtsglöckchen und ist deshalb in der angelsächsischen Welt auch als „Carol of the Bells“ bekannt, nicht zuletzt durch den Film „Kevin – Allein zu Haus“ von 1990. Der ukrainische Komponist Mykola Leontowytsch hat „Schtschedryk“ Anfang des 20. Jahrhunderts für Chor bearbeitet.

„Schtschedryk“ – der Name des Chors stammt vom bekanntesten ukrainischen Volkslied.
„Schtschedryk“ – der Name des Chors stammt vom bekanntesten ukrainischen Volkslied. AP/James Brooks

„Wir müssen den Menschen zeigen, dass unsere Kultur so wichtig für unsere Welt ist“, sagt die 15 Jahre alte Chorsängerin Polina Holzewa. „Es ist unsere Kultur, es ist unsere Welt und es ist so toll, dass wir die Möglichkeit haben, euch diese Musik nahezubringen.“

Den Auftritt in Kopenhagen hat das Ukraine-Haus in der dänischen Hauptstadt organisiert. Das Konzert solle eine Botschaft der Liebe, der Hoffnung, des Mitgefühls und der Unterstützung an alle Ukrainerinnen und Ukrainer senden, sagt die Mitbegründerin des Hauses, Natalija Popowytsch. „Im nächsten Jahr werden hoffentlich alle ukrainischen Familien wieder richtig Weihnachten feiern können.“

Wie es für sie weitergehen wird, wissen die jungen Sängerinnen nicht. Karrierepläne hätten sie noch keine, sagen Holzewa und Russina. Sie wüssten ja nicht einmal, wo sie morgen sein werden. Aber der Schtschedryk-Chor sei für sie ein sicherer Ort. „Wir denken in unserer Lage einfach nicht an den Krieg. Wir singen einfach – wir sind mit unseren Freuden zusammen, unserer Familie“, sagt Russina.