Das Gutachten enthält auch schwere Vorwürfe gegen Hamburgs Erzbischof Stefan Heße. Er bietet dem Papst seinen Amtsverzicht an. Foto: dpa/Axel Heimken

Ein Jahr lang hat der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki ein Gutachten zum Umgang mit Missbrauchsvorwürfen im Erzbistum Köln zurückgehalten, was eine Vertrauenskrise im größten deutschen Bistum ausgelöst hat. Jetzt legte der Strafrechtler Björn Gercke eine neue Untersuchung über Missbrauchsfälle im Zeitraum 1975 bis 2018 vor. Woelki hatte ihn damit beauftragt, Verantwortliche namentlich zu benennen – gegebenenfalls auch ihn selbst.

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Die Untersuchung weist mehr als 300 Opfer und über 200 Beschuldigte auf. Beim heftig kritisierten Woelki seien allerdings keine Pflichtverletzungen feststellbar gewesen, sagte der Strafrechtler Björn Gercke am Donnerstag bei der Vorstellung seines 800 Seiten langen Gutachtens. Gercke sagte, zu derselben Einschätzung sei auch das von Woelki unter Verschluss gehaltene Münchner Gutachten gekommen, ebenso der Vatikan.

Der schwer in der Kritik stehende Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki wurde durch das Gutachten entlastet. Foto: dpa/Andreas Arnold

Hamburger Erzbischof Heße bietet Papst sofortigen Amtsverzicht an

Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße hat Papst Franziskus nach schweren Vorwürfen gegen seine Person seinen sofortigen Amtsverzicht angeboten. Er ziehe damit die Konsequenz aus dem Ergebnis des am Donnerstag vorgestellten Gutachtens, sagte Heße in Hamburg. Heße war dort früher Personalverantwortlicher, das Gutachten legt dem Geistlichen Pflichtverletzungen zur Last. In seiner Funktion musste er sich mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs von Kindern durch Priester auseinandersetzen.

„Ich habe mich nie an Vertuschung beteiligt – ich bin dennoch bereit, meinen Teil der Verantwortung für das Versagen des Systems zu tragen“, sagte Heße in einem Statement. Dies sei seine Reaktion auf die durch die externe Begutachtung festgestellten Pflichtverletzungen. Er habe immer „nach bestem Wissen und Gewissen“ gehandelt, betonte er.

Heße sagte weiter, er bedaure es, wenn er Missbrauchsbetroffenen und deren Angehörigen „neuerliches Leid“ zugefügt haben sollte. Das Ergebnis des externen Untersuchungen sei auch für ihn „wie ein Spiegel“ seines damaligen Handelns. „Niemand ist fehlerfrei, auch ich nicht“, sagte Heße. Er habe damals bewusst Verantwortung für die schwierige Aufgabe der Aufarbeitung übernommen. Er wolle nun die Konsequenzen tragen. Daher biete er dem Papst den Rücktritt an.

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Die Auswertung der Akten von 1975 bis 2018 habe unter anderem ergeben, „dass sich Jahrzehnte offenbar niemand getraut hat, solche Fälle zur Anzeige zu bringen“, kritisierte Gercke.

Die mit Abstand schwersten Vorwürfe machten die Gutachter dem 2017 verstorbenen Kölner Kardinal Joachim Meisner. Diesem seien 24 Pflichtverletzungen und damit fast ein Drittel aller Fälle vorzuwerfen. Auch dem 1987 verstorbenen Kardinal Joseph Höffner seien Pflichtverletzungen vorzuwerfen, befanden die Gutachter.

In einer ersten Reaktion enthob Kardinal Woelki unmittelbar nach der Vorstellung seinen Weihbischof Dominikus Schwaderlapp und den Leiter des Erzbischöflichen Gerichts, Offizial Günter Assenmacher, wegen Pflichtverletzungen mit sofortiger Wirkung vorläufig von ihren Ämtern. Woelki sprach von „Vertuschung“ in seinem Bistum.