Die Schlecker-Pleite 2012: Eine Mitarbeiterin der Drogeriemarktkette reißt das Firmenlogo von der Eingangstür einer Filiale. Bis heute warten tausende Beschäftigte auf ihr Geld.
Die Schlecker-Pleite 2012: Eine Mitarbeiterin der Drogeriemarktkette reißt das Firmenlogo von der Eingangstür einer Filiale. Bis heute warten tausende Beschäftigte auf ihr Geld. dpa/Julian Stratenschulte

Anfang 2012 kostete die Schlecker-Insolvenz viele Tausende Menschen den Job. Und knapp elf Jahre nach der Pleite der Drogeriemarktkette warten Betroffene, darunter etliche frühere Mitarbeiter, und andere Gläubiger im schier endlosen Insolvenzverfahren immer noch auf Geld.

Doch jetzt gibt es einen Hoffnungsschimmer, dass am Ende mehr Geld zum Verteilen da ist. Grund ist eine große Schadenersatz-Klage des Insolvenzverwalters gegen mehrere Drogerieartikel-Hersteller, die bislang erfolglos blieb. Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) könnte sich aber möglicherweise das Blatt wenden. Der Kartellsenat entschied am Dienstag, dass die Schadenersatz-Klage noch einmal neu geprüft werden muss. Es geht dabei um etliche Millionen Euro!

Preisabsprachen zwangen Schlecker zu höheren Ausgaben

Die Forderungen richten sich gegen etliche große Drogerieartikel-Hersteller. Das Bundeskartellamt hatte gegen die Unternehmen Bußgelder verhängt, weil sie zwischen 2004 und 2006 in einem gemeinsamen Arbeitskreis Informationen ausgetauscht hatten. Dabei ging es etwa um beabsichtigte Preiserhöhungen oder den Stand der Verhandlungen mit einzelnen Handelsketten. Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz meint, dass Schlecker deshalb im Einkauf um zehn Prozent überhöhte Preise zahlen musste und fordert deshalb rund 212 Millionen Euro Schadenersatz vom Kartell, das durch durch den Colgate-Palmolive -Konzern aufgedeckt worden war.

Der Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz hofft auf die Zusage von 212 Millionen Euro Schadenersatz im Fall Schlecker.
Der Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz hofft auf die Zusage von 212 Millionen Euro Schadenersatz im Fall Schlecker. dpa/Marijan Murat

In den ersten Instanzen war seine Klage abgewiesen worden. Das Frankfurter Oberlandesgericht (OLG) hatte es für nicht sehr wahrscheinlich gehalten, dass Schlecker durch den Informationsaustausch ein Schaden entstanden sein könnte.

Klage ist „ein Kampf für die Schlecker-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter“

Damit sind die Karlsruher Richterinnen und Richter nicht einverstanden. Der Vorsitzende Wolfgang Kirchhoff sprach bei der Urteilsverkündung von einem „Erfahrungssatz“, wonach ein derartiger kartellrechtswidriger Austausch geheimer Informationen mit großer Wahrscheinlichkeit zu höheren Preisen führe. Das OLG habe zwar ebenfalls so einen Erfahrungssatz unterstellt, ihm jedoch rechtsfehlerhaft ein zu geringes Gewicht beigemessen.

Mitarbeiterinnen der insolventen Drogeriemarktkette demonstrierten 2017. Mehr als 22.000 Beschäftigte standen mit der Pleite plötzlich auf der Straße. 
Mitarbeiterinnen der insolventen Drogeriemarktkette demonstrierten 2017. Mehr als 22.000 Beschäftigte standen mit der Pleite plötzlich auf der Straße.  dpa/Holger Hollemann

Die Kartellklagen seien „ein Kampf für die Masse-Gläubiger und damit vor allem auch für die Schlecker-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter wie auch für jeden Steuerzahler, da die Bundesagentur für Arbeit hohe Ansprüche aus dem Verfahren hat“, erklärte Insolvenzverwalter Geiwitz und gibt sich „vorsichtig optimistisch, dass wir den durch die illegalen Absprachen entstandenen Schaden vor dem Oberlandesgericht in Frankfurt belegen können.“

Bei seinem geforderten Schadenersatz geht es um offene Ansprüche auf eine maximal dreimonatige Lohnfortzahlung bei Kündigung. Schlecker, einst die größte Drogeriemarktkette Europas mit Sitz im baden-württembergischen Ehingen, hatte im Januar 2012 Insolvenz angemeldet. Mehr als 22.000 Mitarbeiterinnen - es waren vor allem Frauen - verloren ihre Arbeit.

Auf wie viel Geld die „Schlecker-Frauen“ und die anderen Gläubiger hoffen können, hängt vom Oberlandesgericht Frankfurt ab. Sollte das Gericht einen Schaden feststellen, müsste der Betrag laut einem Sprecher von Geiwitz über anderthalb Jahrzehnte verzinst werden. Damit könnte sich der Betrag mehr als verdoppeln!