Die kurdischen Migranten Chalid (l.) und Gaschtjar haben ihre Heimat Irak verlassen, um in Deutschland ein neues Leben zu beginnen.  dpa/Ulf Mauder

Immer wieder dringen Rufe wie „Deutschland, Deutschland“ und „Merkel, Merkel“ aus der Menschenmenge im Migrantenlager von Brusgi in Belarus an der Grenze zu Polen. Unter den Migranten, die seit Tagen in Belarus an der Grenze zu Polen ausharren, sind einige, die Deutsch sprechen und Kontakte in der Bundesrepublik haben. Sie tun alles für ihren Traum von einem besseren Leben im Westen.

Dass Kanzlerin Angela Merkel mit dem belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko und mit der polnischen Regierung telefoniert, schürt seit Tagen Hoffnungen. „Ich habe drei Jahre intensiv Deutsch gelernt, habe eine Ausbildung als Pfleger und will in Deutschland arbeiten“, sagt Gaschtjar aus dem Irak. Er habe auch schon Kontakt zu Arbeitgebern in Deutschland, aber nie ein Visum erhalten.

Chalid arbeitete als Pizzabäcker in Deutschland

Neben ihm im Lager steht Chalid, der schon viele Jahre in Deutschland gelebt und unter anderem als Pizzabäcker gearbeitet hat; in Dortmund, in der Nähe von Halle (Sachsen-Anhalt) und zuletzt in einem türkischen Imbiss in Gelsenkirchen. „Ich brauche keine Hilfe vom deutschen Staat“, beteuert der 30-Jährige.

Chalid sagt, dass er seine deutsche Aufenthaltserlaubnis eingebüßt habe, als er 2018 zurückging in den Irak, um sich um seine kranke Mutter zu kümmern. In sauberem Deutsch erzählen Chalid und Gaschtjar ihre Lebensgeschichten. Um die 3000 Euro umgerechnet haben sie in einem Reisebüro für die Touren über Dubai oder Bagdad nach Minsk ausgegeben.

Seit zehn Tagen ist Gaschtjar an der östlichen EU-Grenze, die mit Stacheldraht und starken Sicherheitskräften und Wasserwerfern auf der anderen Seite unüberwindbar geworden ist. „Dürfen wir nach Deutschland über ein Kontingent?“ Gaschtjar ist ratlos. 

2000 Menschen sind in einer Lagerhalle untergebracht

Gaschtjar und Chalid sind nach Tagen im Freien und in der Kälte geschwächt. Sie leben nun mit 2000 Flüchtlingen in einer Notunterkunft in einer Lagerhalle in einem Logistikzentrum, wenige Hundert Meter vom gesperrten Grenzübergang. Tagelang haben sie im Wald und auf dem Grünstreifen an der Grenze gelebt, weil sie befürchteten, in der Unterkunft könnte die Abschiebung in den Irak organisiert werden.

2000 Flüchtlinge sind in einer Lagerhalle nahe der Grenze untergebracht. imago/SNA

Freiwillige verlassen die Grenze zwar inzwischen, um von Minsk aus nach Bagdad zu fliegen. Die beiden hoffen aber in der Notunterkunft weiter „auf ein Leben in Deutschland“. Lukaschenko fordert einen humanitären Korridor für 2000 Menschen nach Deutschland; zudem wolle er helfen, für Tausende auch die Rückkehr in den Irak und nach Syrien mit zu organisieren.

Flüchtlinge wollen weg aus Belarus 

Die Propagandakanäle in Belarus senden in Endlosschleife, dass Lukaschenko sich dafür einsetze, dass die Leute in Deutschland neu starten können. Lukaschenko, den die EU als Schleuser und Menschenschmuggler kritisiert, inszeniert sich als Verteidiger der Menschenrechte, der Polens brutales Vorgehen mit Tränengas und Wasserwerfern gegen wehrlose Demonstranten verurteilt.

Und auch die Flüchtlinge wollen nicht in Belarus bleiben. Einige erzählen, dass sie vor den Grenzposten in grünen Tarnfleckuniformen Angst hätten. „Sie haben einige von uns unter vorgehaltener Waffe an die Grenze zu Polen getrieben, damit wir sie stürmen“, sagt ein Augenzeuge. Die belarussische Seite habe so bewusst eine harte Reaktion der Polen provoziert. Seit Merkel mit Lukaschenko telefoniert, haben sich die Gewaltexzesse gelegt – und auch die Versorgung der Menschen hat sich gebessert.