Angehörige demonstrieren mit den Bildern von Verschwundenen für mehr Einsatz der Behörden. dpa/Jair Cabrera Torres

Es ist eine Zahl, die schaudern macht: In Mexiko gelten offiziell mehr als 100.000 Menschen als vermisst, die in ihrer ganz großen Mehrheit entführt wurden. Die Datenbank der Regierung verzeichnete jetzt zum ersten Mal die Rekordzahl, die viel mit der blutigen Macht der Drogenkartelle zu tun hat.

Rund 98 Prozent der Fälle stammen aus der Zeit seit 2006, als der sogenannte Drogenkrieg begann. Mit der Militarisierung des Konflikts mit den Kartellen nahm die Gewalt erheblich zu.  Die tatsächliche Zahl von Vermissten könnte jedoch viel höher liegen.

Zahl der Vermissten in Mexiko dürfte höher liegen als die offizielle Zahl

„Wir wissen, dass es noch viele andere gibt“, sagt Lucía Díaz. „Die Zahlen beruhen auf Anzeigen – und Anzeige zu erstatten, ist nicht die Norm“. Seit neun Jahren sucht sie ihren Sohn Luis. Mit 29 Jahren wurde der DJ im Bundesstaat Veracruz entführt. Aus Angst vor Repressalien scheuen viele Angehörige den Gang zu den Behörden, die nicht selten mit Verbrechersyndikaten zusammenarbeiten.

Menschen verschwinden zu lassen, ist Taktik von Kriminellen, aber auch korrupter Sicherheitskräfte. Die Leichname der Opfer werden oft heimlich begraben oder sogar zerstückelt und verbrannt, um Spuren zu verwischen. Dies bezeichnete das UN-Komitee gegen das Verschwindenlassen in seinem Mexiko-Bericht im April als „Muster des perfekten Verbrechens“. Die Straflosigkeit sei „fast absolut“. Seit Beginn des Drogenkriegs wurden  mehr als 350.000 Menschen getötet, die Vermissten zählen nicht dazu.

Für internationales Aufsehen sorgte 2014 der Fall von 43 Studenten einer Lehramtsschule im südlichen Bundesstaat Guerrero. Sie wurden von Polizisten festgehalten und den Mitgliedern eines Drogenkartells übergeben, die sie wahrscheinlich töteten. Nur kleine Knochenteile von drei Opfern wurden zum Teil weit entfernt vom Ort der Entführung gefunden und identifiziert. Der Fall ist bis heute nicht aufgeklärt.

Michelle Bachelet, UN-Hochkommissarin für Menschenrechte dpa/KEYSTONE/Martial Trezzini

UN-Menschenrechtskommissarin Michelle Bachelet rief die mexikanischen Behörden dazu auf, mehr  zu tun. „Die Geißel des Verschwindenlassens ist eine menschliche Tragödie enormen Ausmaßes“, sagte sie am Dienstag in Genf. „Es sollten keine Mühen gescheut werden, um diesen Menschenrechtsverletzungen ein Ende zu setzen und den Rechten der Opfer Geltung zu verschaffen.“

Viele Angehörige  haben sich in Gruppen zusammengeschlossen, suchen auf eigene Faust nach Massengräbern und buddeln mit bloßen Händen, Schaufeln und Hacken nach den Leichen. So haben sie in den vergangenen Jahren Tausende von menschlichen Überresten gefunden. Lucía Díaz hat sich mit anderen Müttern zusammengetan und die Gruppe Solecito (Kleine Sonne) gegründet. Die Frauen haben schon 374 Leichen geborgen. Bislang wurden allerdings nur 34 davon an ihre Familien übergeben,  von den anderen weiß man nicht, wer sie sind.

52.000 Tote in Mexiko, von denen niemand weiß, wer sie sind

In ganz Mexiko gibt es rund 52.000 nicht identifizierte Leichname. Aufgrund mangelnder Kapazitäten und Apathie örtlicher Behörden bleiben die Toten oft in Leichenhallen und anonymen Grabstätten liegen, unter ihnen dürften sehr viele Vermisste sein. Regierungsfunktionäre und Menschenrechtsorganisationen sprechen von einer „forensischen Notlage“. Internationale Kooperationspartner, darunter Deutschland, unterstützen die Bemühungen, die rechtsmedizinischen Institute zu stärken.

Auf Druck der Familien wurde 2017 ein Gesetz gegen das Verschwindenlassen von Personen verabschiedet. Unter anderem wurden eine nationale sowie lokale Such-Kommissionen etabliert. Die geplante nationale DNA-Datenbank, die bei der Identifizierung von Toten helfen kann, gibt es allerdings immer noch nicht.