Als musikalische Einlage hat Kanzlerin Merkel für ihren Abschied unter anderem den Titel „Du hast den Farbfilm vergessen“ ausgesucht, mit dem die Punk-Sängerin Nina Hagen 1974 in der DDR einen Hit landete. dpa

Großes Erstaunen hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) für ihre Musik-Auswahl beim Großen Zapfenstreich hervorgerufen. Zum Ende ihrer 16 Jahre währenden Amtszeit wird die Bundeskanzlerin am Donnerstagabend von der Bundeswehr mit dem Großen Zapfenstreich vor dem Berliner Amtssitz des Bundesverteidigungsministeriums verabschiedet. Die rund einstündige Zeremonie ist die höchste Form militärischer Ehrerweisung deutscher Soldatinnen und Soldaten. Die Zeremonie hat eine weit in die Militärgeschichte zurückreichende Tradition und darf nur zu ganz besonderen Anlässen aufgeführt werden.

Auf der Wunschliste steht neben dem Chanson „Für mich soll's rote Rosen regnen“ von Hildegard Knef sowie dem Kirchenlied „Großer Gott, wir loben dich“ der DDR-Hit der Punk-Diva Nina Hagen „Du hast den Farbfilm vergessen“ aus dem Jahre 1974. Die zum Teil ungewöhnlichen Wünsche stellten die Militärmusiker vor eine schwierige Aufgabe: Die Stücke von Hagen und Knef seien im Notenarchiv des Bundeswehr-Orchesters nicht vorhanden gewesen, berichtete die Berliner „taz“ unter Berufung auf den Dirigenten. Doch dem Orchester gelang es, die beiden Lieder innerhalb kürzester Zeit zu arrangieren.

Für Angela Merkel war Nina Hagens Hit „Du hast den Farbfilm vergessen“ ein Highlight ihrer Jugend. Damit begründete die scheidende Bundeskanzlerin, warum sie ausgerechnet dieses Lied für den Großen Zapfenstreich zu ihrem Abschied ausgesucht hatte. Das Lied stamme wie sie aus der DDR und spiele außerdem in ihrem früheren Wahlkreis, erklärte Merkel weiter. Zu Merkels langjährigem Wahlkreis in Mecklenburg-Vorpommern gehört nämlich auch die Ostsee-Insel Hiddensee, über die es in dem Lied heißt: „Hoch stand der Sanddorn am Strand von Hiddensee.“

Kurt Demmler als Kinderschänder verurteilt, Anklage in 212 Fällen

Ein viel gravierenderes Problem hat die Künstlerin Nina Hagen auf ihrer Facebook-Seite aufgeworfen.

Die Künstlerin habe die Nachricht von Merkels Musikwünschen zunächst für eine Fake-Meldung gehalten. „Das ist ein Song mit Text von Kurt Demmler, und dass jedoch der Kurt Demmler ein DDR-Staatsdichter mit Sonderprivilegien war, und später ein wegen systematischem Kindesmissbrauchs verurteilter Sexualstraftäter, der im Gefängnis Selbstmord beging, wird ihr hoffentlich bekannt sein“, erinnert Hagen. Demmler war zunächst im Jahre 2000 wegen sexuellen Missbrauchs an Kindern zu einer Geldstrafe verurteilt worden. 2008 kam es zu einer neuen Anklage, diesmal ging es um eine Vielzahl von Fällen, die sich zwischen 1995 und 2005 ereignet haben sollen. Laut Anklage ging es um 212 Übergriffe an Mädchen im Alter zwischen zehn und 14 Jahren. In der Nacht zum 3. Februar 2008 erhängte sich Demmler in der Haftanstalt Berlin-Moabit, vor dem Tag, an dem er hätte aussagen müssen. Der Prozess wurde eingestellt. Dennoch blieb Demmlers Hit ein Kult-Klassiker der DDR, und die kriminelle Vergangenheit des Song-Texters geriet schnell wieder in die Vergessenheit.

Die Frage ist: Wird Merkel ihren Musikwunsch noch einmal einordnen? Beim Zapfenstreich wird die scheidende Kanzlerin auch eine kurze Rede halten (gegen 19.20 Uhr). Sie ist erst die zweite Frau, die von der Bundeswehr mit einem Großen Zapfenstreich geehrt wird. Die erste war Ursula von der Leyen bei ihrem Abschied als Bundesverteidigungsministerin im August 2019.

Kritiker bringen Zapfenstreich mit Hitler-Fackelzügen in Verbindung

Die Corona-Pandemie erzwingt eine Anpassung des alt hergebrachten Zeremoniells: Die Veranstaltung findet unter 2G-plus-Bedingungen statt, die Zahl der Gäste ist begrenzt, sie müssen eine FFP2-Maske tragen und nach Möglichkeit einen Mindestabstand von 1,5 Metern zueinander halten.

Die Ursprünge des Zapfenstreichs liegen in der Zeit der Landsknechte des 16. Jahrhunderts. Damals gab ein Truppenführer in Gasthöfen und Tavernen mit einem Streich auf die Zapfen der Getränkefässer den Beginn der Nachtruhe bekannt - daher der Name „Zapfenstreich“. Danach durften die Wirte nicht mehr an die Soldaten ausschenken. Im Laufe der Jahrhunderte wurde dieses Signal durch Trompeten-, Flöten- und Trommelspiel musikalisch angereichert.

Das Zeremoniell entstand in seiner heutigen Form im frühen 19. Jahrhundert in der Zeit der Befreiungskriege, als das Ritual durch ein kurzes Abendlied und dann auch um ein Gebet ergänzt wurde. Der Große Zapfenstreich der Bundeswehr besteht heute aus dem „Locken“ der Spielleute, dem Auftritt des Musikkorps und der berittenen Truppen, einem Gebet und der Nationalhymne.

Kritiker des Großen Zapfenstreichs sehen das militärische Zeremoniell in der unmittelbaren Tradition von preußischen Paraden und Hitlers Fackelzügen und sprechen von einem Symbol des preußischen und deutschen Militarismus.