Christian Drosten ist Direktor des Instituts für Virologie der Charité Berlin. Er sieht Deutschland angesichts der steigenden Corona-Infektionszahlen in einer "Notfallsituation".   dpa/Michael Kappeler 

Der Charité-Virologe Christian Drosten sieht Deutschland bei Corona in einer „Notfallsituation“ und hält neue Kontaktbeschränkungen für denkbar. Sollte es beim Impfen keinen schnellen Fortschritt geben, müsse sich Deutschland auf mindestens 100.000 weitere Corona-Tote vorbereiten. „Das ist eine konservative Schätzung.“ Drosten leitet die Zahl durch vergleichende Überlegungen mit Großbritannien her. Inzwischen mehren sich die Forderungen nach einer flächendeckenden 2G-Regel, die nur Geimpften und Genesenen den Zugang beispielsweise zu Lokalen oder  Veranstaltungsräumen erlaubt. 

Mit knapp 40.000 neuen Infektionen binnen 24 Stunden verzeichnete das Robert Koch-Institut einen neuen Höchststand. Die Zahl liegt fast doppelt so hoch wie vor einer Woche. Die Zahl der Toten durch Covid-19 stieg innerhalb eines Tages um 236 auf fast 97.000 Menschen in Deutschland.

„Wir müssen die Impflücken schließen“, verlangt Drosten. 15 Millionen Menschen in Deutschland, die sich hätten impfen lassen müssen, wären der Immunisierung ausgewichen.

Das „ideelle Ziel“ müsse „eine dreifach komplett durchgeimpfte Bevölkerung“ sein. Darauf könne man angesichts volllaufender Intensivstationen aber nicht warten. Kurzfristig müsse man wieder Maßnahmen diskutieren, „die wir eigentlich hofften, hinter uns zu haben“, sagte Drosten. „Wir müssen also jetzt die Infektionstätigkeit durch Kontaktmaßnahmen wieder kontrollieren.“  Er erwartet einen sehr anstrengenden Winter „mit neuen, sagen wir ruhig: Shutdown-Maßnahmen“. Maßnahmen wie 3G oder selbst 2G reichten vermutlich nicht aus, um die Zahl der Infektionen genug zu senken.

Fast 1500 Covid-19-Patienten werden beatmet

Der Intensivmediziner Christian Karagiannidis rechnet damit, dass zunehmend Krankenhäuser wieder den Regelbetrieb einschränken und Operationen bei nicht lebensbedrohlichen Fällen verschieben. „Wir werden kaum darum herumkommen“, sagte der wissenschaftliche Leiter des Intensivregisters (DIVI). Die Charité hatte bereits am Dienstag alle planbaren Eingriffe abgesagt. Das DIVI meldete am Mittwoch 2739 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, von denen 1403 invasiv beatmet wurden.

 Derzeit seien nur ungefähr zehn Prozent der Intensivbetten in Deutschland frei, sagte Karagiannidis. „In dem Moment, wo wir regional unter fünf Prozent freie Betten rutschen, sind wir im Prinzip in den Kliniken nicht mehr wirklich handlungsfähig.“ Deshalb müsse es spätestens in der kommenden Woche eine flächendeckende 2G-Regel geben.

Drosten erwartet Winter mit "Shutdown-Maßnahmen" 

Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund verlangt eine bundesweite 2G-Regelung, eine Forderung, die auch der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach und Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch erheben, weil nur so ein erneuter Lockdown zu vermeiden sei.  Ähnlich äußerte sich  Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) und forderte eine Absprache der 16 Länderchefs.

SPD, Grüne und FDP als voraussichtliche neue Regierungskoalition hatten am Montag einen Gesetzentwurf vorgelegt, der es den Ländern freistellt, ob sie 2G- oder 3G-Regeln anordnen.  

Dem Präsidenten der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, Gerald Haug, ist das alles nicht genug. Er hält Impfpflicht beispielsweise für Pflegepersonal oder Lehrer für ein Mittel, die Pandemie einzudämmen. Außerdem sollten Mitarbeiter ihrem Arbeitgeber mitteilen, welchen Impfstatus sie haben, verlangt die Akademie neben der 2G-Regel überall.

Mehrheit der Deutschen für 2G-Regel

Angesichts steigender Corona-Infektionszahlen befürwortet eine Mehrheit der Bürger einer Umfrage des Instituts Civey zufolge eine bundesweite 2G-Regelung in Restaurants und Freizeiteinrichtungen. 61 Prozent der Befragten sprachen sich für eine solche Regelung - also Zutritt nur für Geimpfte und Genesene - aus. Das ergab eine am Mittwoch veröffentlichte repräsentative Umfrage im Auftrag des Nachrichtensenders Welt.

53 Prozent der Befragten fordern, dass Unternehmen erfahren dürfen, welche Mitarbeiter geimpft sind und welche nicht. Eine FFP2-Maskenpflicht in allen öffentlichen Räumen befürworten 46 Prozent. Eine generelle Testpflicht für alle, also auch für Genesene und Geimpfte, geht den meisten Befragten aber zu weit: Nur 27 Prozent finden eine solche bundesweite Regelung gut. 14 Prozent der Befragten lehnen den Angaben zufolge alle der genannten Maßnahmen ab.

Mehr Impfungen, aber vor allem Auffrischungen

An der Impffront gibt es unterdessen einen Anstieg: Erstmals seit dem 26. August wurden am Dienstag wieder mehr als 300.000 Spritzen gesetzt, allerdings waren es zu fast zwei Dritteln Auffrischimpfungen. Erstmalig impfen ließen sich nur knapp 51.000 Menschen, 65.000 holten sich die zweite Injektion.

Die ständige Impfkommission empfiehlt unterdessen, dass Menschen unter 30 Jahren ausschließlich mit dem Vakzin von Biontech/Pfizer geimpft werden sollen. Er führe in dieser Altersgruppe seltener zu der Nebenwirkung Herzmuskel- oder Herzbeutelentzündung als das Produkt von Moderna, wo bei bis zu 29-Jährigen 138 meist milde Fälle vor allem nach der zweiten Impfung auftraten.

Offenbar wieder kostenlose Schnelltests

Die Menschen in Deutschland sollen voraussichtlich ab kommender Woche wieder mindestens einen kostenlosen Corona-Schnelltest pro Woche machen können. Laut einem Verordnungsentwurf des geschäftsführenden Bundesgesundheitsministers Jens Spahn (CDU) soll verhindert werden, dass Personen aufgrund finanzieller Erwägungen auf Tests verzichteten, wie dpa aus Regierungskreisen erfuhr.

Seit 11. Oktober sind Corona-Tests in Deutschland in der Regel kostenpflichtig. Die neue Verordnung solle kommende Woche in Kraft treten, hieß es.

Den Plänen zufolge sollen künftig alle Bürger mindestens einmal pro Woche wieder Anspruch auf einen kostenlosen Test erhalten. Auch geimpfte Personen könnten sich mit dem Coronavirus infizieren „und damit eine Gefährdung insbesondere für vulnerable Personengruppen darstellen“, so der Entwurf. Anbieter können ihre Tätigkeit fortsetzen. Zusätzlich sollen nur noch Sanitätshäuser oder Drogerien beauftragt werden.

Eine Beauftragung weiterer Anbieter soll nicht mehr möglich sein. Hintergrund ist, dass eine erneute unkontrollierte Entstehung von Teststationen verhindert werden soll. Laut Verordnung rechnet der Bund für jeweils eine Million Testungen mit bis zu 8 Millionen Euro für die Leistungen vor Ort und 3,5 Millionen Euro für Sachkosten.

Weiter sieht der Entwurf vor, dass die Krankenhäuser den Impfstatus ihrer Patienten angeben müssen sowie die Zahl von Schwangeren in intensivmedizinischer Behandlung. Die Kliniken sollen künftig auch dazu verpflichtet werden, täglich sowohl ihre Kapazität an Intensivbetten als auch die Zahl ihrer Corona-Patienten differenziert nach Erwachsenen und Kindern auszuweisen.