Tausende Afghanen versuchen verzweifelt, vor den Taliban ins Ausland zu fliehen. AFP/Wakil Kohsar

Seit Tagen herrscht blankes Chaos am Flughafen der afghanischen Hauptstadt Kabul, es fallen Schüsse. Im Gedränge sind nach Angaben des britischen Verteidigungsministeriums inzwischen sieben Menschen ums Leben gekommen. Aufnahmen des britischen Fernsehsenders Sky News zeigten am Samstag, wie Soldaten Leichen mit weißer Plane abdeckten. Woran die Menschen starben, war zunächst unklar. Auch mehrere Verletzte waren zu sehen.

Menschen zu Tode gequetscht

Der Sky-News-Reporter Stuart Ramsay, der selbst am Flughafen war, berichtete, im Gedränge seien mehrere Menschen „gequetscht“ worden. Rettungskräfte eilten von einem Verletzten zum anderen. Ramsay sagte, die am Flughafen wartenden Menschen seien „dehydriert und in Panik“. Er filmte auch Soldaten, die Wartende zur Abkühlung mit einem Wasserschlauch nass spritzten.

Viele Afghanen versuchen bei starker Hitze weiterhin, in Kabul auf das Flughafen-Gelände zu kommen. imago/NurPhoto

Im Gedränge der Tausenden Menschen sind nach Berichten örtlicher Medien sogar mehrere Kinder verloren gegangen. So kümmert sich einer Reportage des Fernsehsenders Ariana News zufolge eine Familie aus der Hauptstadt seit einer Woche um ein Kind im Grundschulalter, das es am Flughafen im Stacheldraht festhängend gefunden hatte. Bis heute seien die Eltern trotz vieler Bemühungen nicht auffindbar, sagte die Familie.

Vor einer Woche hatten die radikalislamischen Taliban die Macht in Afghanistan wieder an sich gerissen. Seitdem versuchen unzählige Menschen verzweifelt, das Land zu verlassen. Die Lage am Kabuler Flughafen spitzte sich zuletzt gefährlich zu.

Am Samstag warteten bei starker Hitze weiter tausende Afghanen mit Ausreisepapieren auf Flüge. US-Soldaten hielten zugleich tausende Menschen ohne Papiere davon ab, auf das Flughafengelände zu gelangen.

Rettung aller Ortskräfte bis Ende August „unmöglich“

Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell hält es für unmöglich, bis Ende August alle Ortskräfte der USA und anderer Nato-Staaten aus Afghanistan auszufliegen. „Das ist mathematisch unmöglich“, sagte Borrel am Samstag der Nachrichtenagentur AFP. Borrell machte die strengen Sicherheitsvorkehrungen des US-Militärs am Kabuler Flughafen mitverantwortlich für die dramatische Situation.

Borrell sagte, die EU habe sich bei den USA über die strengen Sicherheitsvorkehrungen „beschwert“. Afghanische Ortskräfte der EU, die das Land verlassen wollen, hätten Schwierigkeiten, auf das Flughafengelände zu gelangen.

Vor einer Woche hatten die radikalislamischen Taliban die Macht in Afghanistan wieder an sich gerissen. Seitdem versuchen unzählige Menschen verzweifelt, das Land zu verlassen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen forderte am Samstag alle Mitgliedsländer der EU zur Aufnahme schutzbedürftiger Afghanen auf.