Der konservative CSU-Chef klagt über den „Agrar-Kapitalismus“. dpa/Sven Hoppe

Es geschehen noch Zeichen und Wunder: Der CSU-Vorsitzende Markus Söder, Ministerpräsident von Bayern, entdeckt den Kapitalismus-Kritiker in sich. Mit Blick auf den Tönnies-Fleischskandal wettert der Konservative jetzt gegen den grassierenden „Agrar-Kapitalismus“. Bringt sich Söder mit diesen überraschenden, neuen Tönen etwa für höhere Aufgaben in Stellung - als vierter möglicher Bewerber um die Kanzlerkandidatur der Union?

In einer Videobotschaft macht der Bayern-Ministerpräsident auf Sozialkritiker. „Agrar-Ökologie statt Agrar-Kapitalismus - das könnte doch ein Weg sein für die Zukunft“, betont er. Die Landwirtschaft brauche mehr Geld „für eine Wende hin zu mehr Agrar-Ökologie“. Kleine Bauern müssten mehr Möglichkeiten erhalten, ihre Ställe tierschutzgerecht umzubauen. Zugleich dürfe Fleisch für die Verbraucher „nicht unendlich teuer“ werden. Es müsse für jeden erschwinglich sein. Söders Worte klingen nach Gerechtigkeit, fast nach „Agrar-Sozialismus“.

Der CSU-Politiker stößt ins selbe Horn wie die linken Demonstranten, die am Wochenende das Dach einer Tönnies-Fleischfabrik in Rheda-Wiedenbrück (NRW) besetzten. Sie brachten ein Transparent mit der Aufschrift „Shut Down Tierindustrie“ an und forderten die dauerhafte Schließung des Betriebs. Der Fleischverarbeiter Tönnies hatte in den vergangenen Wochen Schlagzeilen gemacht, weil dort mehr als 1500 Mitarbeiter mit Corona infiziert worden waren.

Markus Söder ist übrigens nicht der erste Bayern-Ministerpräsident, der den Kapitalismus aufs Korn nimmt. Horst Seehofer hatte 2009 in der Finanzkrise die „Auswüchse des Spekulationskapitalismus“ beklagt und den Zusammenbruch des „neoliberalen Weltbilds“ verkündet. Damit wurde Seehofer zwar weder Kanzlerkandidat noch Kanzler. Aber immerhin ist er seit 2018 Bundesinnenminister. (mit dpa)