Abstich am Hochofen in Duisburg: Die Stahlindustrie braucht viel Energie.
Abstich am Hochofen in Duisburg: Die Stahlindustrie braucht viel Energie. imago/Robert Oberhäuser

Die deutsche Industrie zerbricht sich den Kopf, wie sie auf eine mögliche, von Russland verursachte schwerwiegende Gas-Knappheit im Winter reagieren soll, um weiter arbeiten zu können und die Reserven nicht übermäßig zu beanspruchen. Auch die Stromversorgung könnte leiden.

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In der Stahlindustrie wird Erdgas zur Wärmeerzeugung benötigt, etwa beim Walzen oder in der Kokerei. Weniger Gas bedeutet weniger Produktion. Das könne „bis zu einer bestimmten Schwelle begleitet werden“, erklärt eine Konzernsprecherin des größten deutschen Herstellers, Thyssenkrupp . Ein Mindestbezug sei aber unverzichtbar, ansonsten könne man Stilllegungen und Anlageschäden nicht ausschließen. Einsparpotenziale sieht Thyssenkrupp beim Gas kaum.

Stahlkocher wollen ein Gas nutzen, das bei der Produktion entsteht

Die Stahlkocher der Salzgitter AG wollen den Gas-Einsatz „auf ein Minimum beschränken“. Teilmengen ließen sich mit Öl ersetzen. Außerdem nutze man verstärkt „Kuppelgase“, die als Nebenprodukte der Stahlproduktion anfallen.

Die  Autoindustrie braucht große Mengen an Gas für Produktionsverfahren und Wärme, Strom wird teilweise in eigenen Anlagen erzeugt. VW hält sich zurück, was aus einem kompletten russischen Lieferstopps folgen würde. Mercedes-Benz  richtet sich darauf ein, den Verbrauch an den deutschen Standorten falls nötig um bis zu die Hälfte zu drosseln. Laut Vorstandschef Ola Källenius gibt es einen Notplan. Strom aus Gasverbrennung soll möglichst häufig durch Elektrizität aus erneuerbaren Quellen abgelöst werden. Zudem sind generelle Einsparungen geplant, auch könnte bei Bedarf Öl zum Einsatz kommen.

Ein Chemie-Unternehmen bei Zeitz (Sachsen-Anhalt): Diese Branche benötigt viel Erdgas.
Ein Chemie-Unternehmen bei Zeitz (Sachsen-Anhalt): Diese Branche benötigt viel Erdgas. dpa/Hendrik Schmidt

Die Chemie- und Pharma-Branche ist mit einem Anteil von 15 Prozent größter Gasverbraucher in Deutschland. Hier ist Erdgas nicht nur ein bisher Energieträger, sondern auch ein Rohstoff, der in viele Endprodukte einfließt. Der Verband VCI sieht nur noch wenig Senkungspotenzial: Durch den Einsatz anderer Brennstoffe ließen sich kurzfristig nur 2 bis 3 Milliarden Kilowattstunden (kWh) an Energie aus Gas einsparen – pro Jahr bräuchten die Firmen aber rund 135 Milliarden kWh.

Chemie-Riese BASF erwartet Weiterbetrieb mit weniger Gas

BASF rechnet auch bei Ausrufung der Gasnotfallstufe mit dem Weiterbetrieb des Stammwerks Ludwigshafen. Das noch erhältliche Gas dürfte  ausreichen, um den Betrieb mit verringerter Last aufrechtzuerhalten. Der Darmstädter Merck-Konzern sieht sich gerüstet. „Wir sind vorbereitet, dann unsere Produktionsprozesse unter anderem auf Erdöl zu verlagern“, sagte Chefin Belén Garijo

Im mittelständisch geprägten Maschinenbau variiert die Betroffenheit je nach Betrieb. Für die Gesamtbranche schätzt Matthias Zelinger, Energieexperte des Verbands VDMA, dass die Unternehmen für eine kurze Zeit mit 20 bis 40 Prozent weniger Gas auskommen könnten. Ende Juni gab fast ein Drittel der Maschinenbauer in einer Umfrage an, bereits Notfallpläne in der Schublade zu haben.

Bahn-Mitarbeiter bekommen eine Spar-Prämie

Bitte schön vorsichtig anfahren: Kavalierstarts brauchen auch bei der Bahn zu viel Energie.
Bitte schön vorsichtig anfahren: Kavalierstarts brauchen auch bei der Bahn zu viel Energie. imago/Markus Mainka

Mit einem Jahresverbrauch von 10 Milliarden kWh ist die Deutsche Bahn der größte einzelne Stromabnehmer in Deutschland. Erdgas hatte im vorigen Jahr einen Anteil von nur 6 Prozent am Strommix, Kohle mehr als 20 Prozent und regenerative Energie etwa 62 Prozent. Die Bahn setzt unter anderem auf energiesparendes Fahren und auf die Belegschaft. Sie soll einen Bonus von 100 Euro pro Kopf erhalten, der auf 150 Euro aufgestockt wird, wenn alle genügend Energie sparen. Dabei geht es etwa um Beleuchtung, Heizen oder Kühlen.