Nicola Gratteri warnt bei einer Video-Pressekonferenz vor mafiöser Korruption im süditalienischen Gesundheitswesen.  +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: Petra Kaminsky/dpa

Catanzaro - Nicola Gratteri (62) lässt nicht locker: An einem Donnerstag im November schickte der Mafia-Jäger Polizisten an gleich mehreren Orten Italiens zu einem Schlag gegen die Mafia los.  Ziel war die 'Ndrangheta, das brutalste Verbrechernetz Italiens. Der kalabrische Staatsanwalt startete einen Angriff, der in der Corona-Pandemie als Signal gilt: Wir finden uns mit der Verquickung von Mafia, Politik und Gesundheitswesen nicht ab.

In Süditalien gelten Teile des medizinischen Systems, darunter auch Krankenhäuser und Apotheken, als mafiös unterwandert. Manche Politiker lassen sich von der 'Ndrangheta kaufen, um deren Geschäfte zu decken. „Es hat schon viele Fälle von Korruption im Gesundheitssektor gegeben“, sagt Staatsanwalt Gratteri. Dort fließe viel staatliches Geld: „Dieser Sektor macht um die 70 Prozent des regionalen Haushalts aus.“ Das lockt die Mafia.

Die Mafia, die auch in Deutschland Geld macht

Im aktuellen Fall wurde ein Politiker aus der Regionalhauptstadt Catanzaro unter Hausarrest gestellt. Er soll der 'Ndrangheta geholfen haben, indem er Genehmigungen für Medikamentenhandel und den Aufbau eines Apothekennetzes erteilte. Im Gegenzug sollen die Mafiosi ihm bei den Regionalwahlen 2014 Stimmen beschafft haben. Außerdem ging die Justiz gegen knapp 20 Mitglieder des Grande-Aracri-Clans vor, der auch in Deutschland „tätig“ ist. 2007 gab es in einem internen 'Ndrangheta-Krieg in Duisburg sechs Tote.

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Die 'Ndrangheta besitzt ihre Basis im armen Kalabrien mit zwei Millionen Einwohnern. Seit den 1990er Jahren gilt sie als mächtigste Mafia-Organisation Europas. Zusätzlich zum globalen Kokainhandel und Müllgeschäften sind die Clans auch in den Medizinsektor eingestiegen. Wie überall sind sie auch im kaputtgesparten Gesundheitswesen des italienischen Südens bestrebt, staatliches Versagen zu fördern. „Ein System, wo nichts funktioniert, ist  der Ort, an dem Mafia-Organisation alles untergraben und damit einen Sieg davontragen, indem sie für Liquidität, Kontrolle und Organisation sorgen“, erklärt Anti-Mafia-Autor Roberto Saviano.   

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Die Ermittler stießen auf eine Vielzahl krimineller Geschäfte rund um die Gesundheit: Medizinhandel, Krankentransporte, Bestattungen - mit Hilfe exklusiver Zugänge zu Aufträgen, überhöhter Preise, Bestechung und Erpressung greifen die Clans zu. Kinder aus kriminellen Familien sollen nur deshalb Medizin und Pharmazie studiert haben, um in Verwaltung und Hospitälern einflussreiche Positionen zu erklimmen, wird kolportiert. Gratteri warnt jedoch: Familienzugehörigkeit alleine mache Menschen nicht zu Verbrechern. 

Drei Bürgermeister aus Kalabrien protestierten im November dagegen, dass die Überwachung des Gesundheitswesens durch Kommissare der Zentralregierung nicht funktioniert: Binnen zehn Tagen waren drei Aufpasser gefeuert worden beziehungsweise zurückgetreten. Foto: Roberto Monaldo/LaPresse via ZUMA Press/dpa

Wegen der Malaise in Kalabrien hat die Regierung in Rom schon vor Jahren einen staatlichen Kommissar entsandt. Ohne viel Erfolg. Nachdem die erste Corona-Welle hauptsächlich den Norden traf, erreichte die zweite Virus-Welle im Herbst auch den Süden. Rom feuerte den Kommissar wegen Unfähigkeit - und hatte dann wochenlang Schwierigkeiten, einen neuen Aufpasser zu finden.

Ich bin ein Mann im Käfig

Nicola Gratteri

Gratteri, seit 30 Jahren im Kampf gegen das organisierte Verbrechen, lebt seither unter Polizeischutz, arbeitet hinter einer kugelsicheren Tür, sein Haus ist eine Festung: Die Morde an Carabinieri-General Carlo Alberto della Chiesa 1982, an den Untersuchungsrichtern Paolo Borsellino und Giovanni Falcone 1992 im benachbarten Sizilien sind bis heute Alarmzeichen. 

Bei einem Sprengstoffanschlag auf der Autobahn bei Palermo wurden der Ermittlungsrichter Giovanni Falcone, seine Frau und drei Polizisten getötet. Nur sein Fahrer überlebte schwer verletzt. Die sizilianische Mafia „Cosa Nostra“ wollte sicher gehen, setzte eine halbe Tonne TNT ein.
Foto: Nino Labruzzo/AP/dpa

2014 war er an einer weltweiten Aktion beteiligt, die die 'Ndrangheta eine Tonne reines Kokain kostete. Vor einem Jahr sorgte er für die Festnahme von 334 Personen: Anwälte, Geschäftsleute, Buchhalter, einen Polizeichef, den Präsidenten des kalabrischen Bürgermeisterverbandes und ein ehemaliges Mitglied des Parlaments, die mit der 'Ndrangheta kollaboriert haben sollen, auch bei Mord und Erpressung. Das Gerichtsverfahren läuft.