Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (l.) liegt in Umfragen nur hauchdünn vor seiner schärfsten Rivalin Marine Le Pen. AFP/Nicolas Tucat

Frankreich wählt sein Staatsoberhaupt für die nächsten fünf Jahre. Doch von Aufbruchsstimmung ist nicht viel zu spüren. Die meisten rechnen mit der Wiederwahl von Präsident Emmanuel Macron. Aber ist das schon ausgemacht?

Denn die französische Rechtspopulistin Marine Le Pen hat bei ihrem inzwischen dritten Anlauf größere Aussichten als je zuvor auf einen Sieg. Kurz vor der ersten Runde der Wahl am Sonntag liegen Amtsinhaber Emmanuel Macron und Len Pen nur noch zwei, drei Punkte auseinander – etwa so viel, wie die Fehlermarge beträgt.

„Ich bin bereit zum Regieren“, sagte Le Pen dem Figaro vom Mittwoch. „Ich habe eine Reife erreicht in meiner Laufbahn, die ich vor 20 Jahren begonnen habe.“

Es gibt Gründe, warum es Le Pen dieses Mal schaffen könnte – aber auch einige, die dagegen sprechen. Zwei ihrer Vorgänger, François Mitterrand und Jacques Chirac, haben es beide erst im dritten Anlauf geschafft. Außer den beiden ist in Frankreich keiner der sechs anderen Präsidenten wiedergewählt worden.

Macron verzichtete auf großen Wahlkampf

Der 44-jährige Amtsinhaber Macron hat weitgehend auf den Wahlkampf verzichtet und vergeblich darauf gesetzt, sich als Pandemie- und seit dem Ukraine-Krieg als Putin-Bezwinger in Szene zu setzen. Le Pen hingegen ist dauerlächelnd in pastellfarbenen Blazern durch die Talkshows gezogen und hat sich immer wieder mal als Katzenmutti gezeigt. 2017 fanden sie 62 Prozent der Franzosen unsympathisch, inzwischen sind es nur noch 50 Prozent.

Einen Teil ihrer Wählerschaft hat sie an den radikaleren Eric Zemmour verloren – wo sie nun eine Stimmenreserve für eine wahrscheinliche Stichwahl bilden. Sie kann auch darauf hoffen, dass viele Wähler „alles außer Macron“ wollen.

Selbst ein Teil der Wähler des Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon wird wahrscheinlich Le Pen vorziehen. In ihrem Wahlkampf hat sie wegen der hohen Inflation vor allem auf die Sorgen um die Kaufkraft gesetzt, was linke Wähler ebenfalls anspricht.

Le Pen will mit dem Wahlkampfthema Inflation punkten

Ein Wahlsieg von Le Pen in Frankreich würde sich einreihen in Ereignisse wie den Brexit und den Sieg von Donald Trump – politische Erdbeben, die viele bis zum letzten Moment nicht für möglich gehalten hätten.

Doch dass die erste Präsidentin Frankreichs Le Pen heißen könnte, scheint letztlich unwahrscheinlich. Die 53-Jährige hat regelmäßig bei Wahlen schlechter abgeschnitten als zuvor in Umfragen. Die erste Runde mag eine Protestwahl sein, in der Stichwahl am 24. April geht es darum, wer die nächsten fünf Jahre das Land führt. Zudem sind etwa 30 Prozent der Wähler noch unentschieden.

Le Pen mag ihr Image aufpoliert haben, ihr Programm ist weiterhin europa- und fremdenfeindlich. So will sie etwa die Verfassung ändern, um Franzosen Vorrechte bei der Vergabe von Wohnungen und Jobs einzuräumen.

Macron wird sie wohl vor allem wegen ihrer Nähe zu Russland angreifen. Ihre Partei lässt sich seit Jahren von russischen Banken finanzieren. Am Ende kommt es vor allem auf die Wahlempfehlungen der anderen an. Es ist damit zu rechnen, dass die zersplitterte Linke, aber auch große Teile der konservativen Rechten mehr oder weniger zähneknirschend dazu aufrufen werden, „alles außer Le Pen“, also Macron zu wählen.

Aber auch erfahrene Beobachter betonen, dass die Wahl noch nicht gelaufen ist. „Le Pen hat einen klugen Wahlkampf in der Fläche geführt und sich an die Geringverdiener gewandt“, sagte der Politologe Pascal Perrineau der Zeitung Les Echos. Das habe ihre Wählerbasis verbreitert. „Bei 52 Prozent zu 48 Prozent (in den Umfragen zur Stichwahl), aber selbst bei 54 zu 46 Prozent ist ein Wahl-Unfall durchaus möglich“, fügte er hinzu.

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