Herbert Diess stellte im September 2019 das ID.3-Elektroauto vor. Doch die Produktion macht Probleme. Foto: Michael Probst AP

VW ist eine Macht, und Macht ist umkämpft. Herbert Diess (61), seit 2018 Chef des VW-Konzerns, hat bei internen Auseinandersetzungen mindestens ein blaues Auge davongetragen. Er gibt die 2015 angetretene Führung von VW ab, Hauptmarke in der größten Autogruppe der Welt. Offensichtlich nicht freiwillig, wird immer deutlicher, obwohl die PR-Maschine des Konzerns zu vermitteln versucht: Diess müsse als Konzern-Chef „mehr Freiraum“ für strategische Aufgaben erhalten. Hinter den Kulissen wird  gemunkelt: Diess (Gehalt 2019: sieben Millionen Euro plus Rentenvorsorge) könne froh sein, nicht ganz abgesägt worden zu sein, weil er den Aufsichtsrat attackiert hatte.

Hintergrund sind massive Probleme: Beim neuen Golf 8 hinkt die Produktion wegen Software-Schwierigkeiten den Zielen  hinterher,  Mitarbeiter fühlen sich mit  steigendem Druck ausgesetzt. Auch der  VW-Hoffnungsträger, das Elektroauto ID.3, verzögert sich. Dazu kam, dass  Diess in der Debatte um eine Corona-Autokaufprämie erfolglos weitgehende Forderungen aufgestellt hatte. Dann gab es Ärger um ein rassistisches Internet-Werbevideo. Und die Frage, ob gerade jetzt Diess' angeblicher Wunsch nach frühzeitiger Vertragsverlängerung  angemessen sei.

Die Vertrauensleute der IG Metall machten mobil, sprachen dem Vorstand per offenem Brief über weite Strecken das Misstrauen aus. Man sei „zunehmend massiv besorgt“, vermisse eine klare Krisenstrategie zu den Produktionsproblemen. Kein Geheimnis ist, dass es zwischen Betriebsratschef Bernd Osterloh und Diess seit langem kriselt.  

Das schwindelerregende Auto-Hochlager in Wolfsburg. VW-Konzernchef Herbert Diess wäre fast abgestürzt Foto: Tobias Schwarz AFP

 Diess wiederum zog vor mehr als 3000 Managern in einer Videokonferenz vom Leder und beklagte, dass Infos über   Schwierigkeiten „durchgestochen“ worden seien:  „Die Vorkommnisse im Aufsichtsrat in der letzten Woche und die Kommunikation über die Vorkommnisse im Aufsichtsrat helfen dem Unternehmen nicht. (...)  Das sind Straftaten, die im Aufsichtsratspräsidium passieren.“ Da blieb einigen der Mund offen. Im engsten Machtzirkel sitzen neben dem Vorsitzenden Hans Dieter Pötsch Vertreter der Familien Porsche und Piëch, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), IG-Metall-Chef Jörg Hofmann und  Betriebsratsmitglieder.

„Dr. Diess wollte nicht zum Ausdruck bringen, dass sich Mitglieder des Aufsichtsrats strafbar gemacht haben“, erklärte VW.  Dennoch empfanden manche, dass seine Äußerungen die Autorität des Aufsichtsrat untergraben hätten. Nur formalrechtliche Bedenken hätten  Entscheidungsträger  davon abgehalten, Diess zu feuern. Geholfen könnte auch haben, dass er sich  für seine „unangemessenen und falschen“ Äußerungen entschuldigt hat. Das Gremium ließ mitteilen:  „Die Mitglieder des Aufsichtsrates haben die Entschuldigung von Dr. Diess angenommen und werden ihn auch künftig bei seiner Arbeit unterstützen“.

Der Porsche-Piëch-Clan, der von Diess' Management-Qualitäten überzeugt und Mehrheitseigner des Konzerns ist, steht weiter zu ihm. Mit einer Mahnung:  „Das Unternehmen muss jetzt in ruhigeres Fahrwasser kommen.“