Das Dorf Lützerath ist für die Klima-Aktivisten mehr als ein Symbol.
Das Dorf Lützerath ist für die Klima-Aktivisten mehr als ein Symbol. dpa/Thomas Banneyer

Das Dorf Lützerath liegt nordwestlich von Köln. Der Braunkohle-Tagebau Garzweiler hat sich in den letzten Jahren immer näher an den kleinen Ort herangefressen und soll noch näher kommen, so nah, dass das Dorf ganz verschwinden wird. Deshalb wird Lützerath, dessen eigentliche Bewohner in den vergangenen Jahren sukzessive enteignet wurden, am Wochenende und zu Beginn der nächsten Woche Blicke aus ganz Deutschland auf sich ziehen. Es kommt zum Showdown zwischen dem Energiekonzern RWE und der Landesregierung Nordrhein-Westfalens auf der einen Seite – und zahlreichen Klimaaktivisten auf der anderen Seite. Die Konfliktparteien der Klimakrise treffen sich in einem kleinen Dorf.

Zoff um Lützerath: Die Akteure und ihre Ziele

Die Akteure haben unterschiedliche Ziele: Der Klimabewegung geht es um das Einhalten der Klimaziele. Der Landesregierung geht es um Energiesicherheit und der Energiekonzern RWE will bis zum Kohleausstieg im Jahr 2030 noch so viel Geld wie möglich verdienen und daher so viel Kohle wie sie bekommen können, verbrennen. Im kleinen Lützerath treffen nun diese sehr konträren Anliegen aufeinander.

Denn das Dorf steht eigentlich schon lange auf der Abbagger-Liste von RWE. Nun soll es bald so weit sein. Per Allgemeinverfügung untersagte der Kreis Heinsberg allen Menschen den Aufenthalt in Lützerath vom 23. Dezember 2022 bis zum 13. Februar 2023. Ab dem 10. Januar soll das Dorf geräumt werden. Im vergangenen Jahr hatte Landwirt Eckardt Heukamp als letzter eigentlicher Bewohner das Dorf verlassen. Von seinem Hof aus war die Abbruchkante des Tagebaus gut zu sehen.

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Zwei Aktivisten sitzen am Rande des Braunkohletagebaus in Lützerath.
Zwei Aktivisten sitzen am Rande des Braunkohletagebaus in Lützerath. dpa/Oliver Berg

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Inzwischen haben Aktivisten das Dorf besetzt, um es zu retten. In den vergangenen Tagen kamen immer mehr Menschen hinzu. Sie reisten zum Blockieren oder Demonstrieren aus ganz Deutschland an. Auch der Satiriker Jan Böhmermann widmete Lützerath mehrere Tweets und lenkte die Aufmerksamkeit auf die Thematik.

Klima-Aktivisten: Mit Lützerath fällt das 1,5-Grad-Ziel

Die Klima-Aktivisten berufen sich bei der angestrebten Rettung Lützeraths vor allem auf zwei Studien. Die zentrale Studie, die vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) durchgeführt wurde, sollte klären, wie viel Kohle im Rheinland noch abgebaut werden darf, um das 1,5-Grad-Ziel einhalten zu können. Das Ergebnis sind 235 Millionen Tonnen Braunkohle in den Tagebauen Inden, Hambach und Garzweiler. Das würde bedeuten, dass der Ort Lützerath nicht abgebaggert werden dürfte, wenn das Ziel gehalten werden soll.

Auch die bekannte Klima-Aktivistin Luisa Neubauer setzt sich für den Erhalt Lützeraths ein.
Auch die bekannte Klima-Aktivistin Luisa Neubauer setzt sich für den Erhalt Lützeraths ein. dpa/Anette Riedl

Eine weitere Studie stammt aus dem Jahr 2022 und ist eine Reaktion auf den gesteigerten Bedarf an Kohlestrom durch die Energiekrise. Wissenschaftler der Europa-Universität Flensburg, der Technischen Universität Berlin und des DIW beziffern den maximalen Kohlebedarf bis zum Jahr 2030 auf 271 Millionen Tonnen Braunkohle. Schon jetzt seien aber in den bereits genehmigten Tagebaubereichen Hambach und Garzweiler II rund 300 Millionen Tonnen Kohle förderfähig. Lützerath abzubaggern sei demnach nicht nötig. 

Umweltaktivisten befürchten daher, dass RWE mit dem Abbaggern von Lützerath vorzeitig Fakten schafft, um bis 2030 noch mehr Kohle verfeuern zu können. Der Konzern beruft sich hingegen auf eigene Gutachten, die die Klimaaktivistin Luisa Neubauer als „nachweislich falsch“ bezeichnete. 

Bundes- und Landesregierung auf Seite von RWE

Das Problem für die Klimabewegung: Die um die Energiesicherheit besorgte Landes- und Bundespolitik ist derzeit auf der Seite von RWE. Und damit ganz entscheidend auch zwei Grüne: Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck und NRW-Wirtschaftsminsiterin Mona Neubaur. Letztere bezeichnete die Räumung Lützeraths als „schmerzlichen, aber leider notwendigen Schritt“ und schlug sich damit auf die Seite des Konzerns. 

Die Aktivisten versuchen derweil auf verschiedenen Wegen doch noch die Rettung von Lützerath zu erreichen. Derzeit versucht man vor dem Oberverwaltungsgericht das Aufenthaltsverbot zu kippen. Eine Entscheidung wird am Montag erwartet. Am Wochenende stehen in ganz Deutschland Demonstrationen an – auch in Lützerath selbst. Zur Mahnwache am Sonntag wird auch die Berliner Band Annenmaykantereit erwartet. 

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Gleichzeitig bereitet die Polizei bereits die Räumung des Dorfes vor. Laut der Initiative „Lützi bleibt“ wurden bereits erste Strukturen der Klimaaktivisten abgerissen. Die Proteste gehen ungeachtet dessen weiter. Denn für die Aktivisten geht es hier nicht nur um ein längst enteignetes Dorf, sondern um die Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels.