Polizisten tragen die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg am Dienstag aus einer Gruppe von Demonstranten und Aktivisten heraus vom Rand des Braunkohlentagebaus Garzweiler II weg.
Polizisten tragen die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg am Dienstag aus einer Gruppe von Demonstranten und Aktivisten heraus vom Rand des Braunkohlentagebaus Garzweiler II weg. dpa/Roberto Pfeil

Von Polizeigewalt und Gewalt gegen die Polizei war die Rede: Die Großdemonstration im mittlerweile geräumten NRW-Dorf Lützerath, in dem der Energiekonzern RWE Braunkohle abbaggern will, hat die Schlagzeilen bestimmt. Zwei völlig entgegengesetzte Erzählungen prallten aufeinander: Klimaaktivistinnen wie die Mitveranstalterin Luisa Neubauer von Fridays for Future warfen der Polizei vor, geschubst und bedrängt worden zu sein, während die Polizei von Böllern und Raketen gegen Beamte im Lützerath-Einsatz berichtete.

Greta Thunberg lässt sich vor den Kameras wegtragen, dann posieren Polizisten mit der Klimaaktivistin

Internationale Strahlkraft gewannen die Proteste gegen die Abbaggerung des verlassenen Ortes durch die Teilnahme der weltbekannten Klimaaktivistin Greta Thunberg: Pressebilder zeigen sie, wie sie an der Abbruchkante des Braunkohlevorkommens tanzt, wie sie von Polizisten weggetragen wird. Eine Szene erhitzt die Gemüter, ein Video, das an den Tagen nach der Großdemo von einer weiteren Klimademo in Garzweiler II durch die sozialen Medien wandert. Es zeigt zwei Polizeibeamte in Einsatzmontur, die Greta Thunberg scheinbar abführen. Tatsächlich aber posieren sie vor Medienvertretern, die Fotos von der lächelnden Klimaaktivistin und ihren ganz und gar nicht gewaltsamen Polizeischützern schießen: ein Herz und eine Seele, so der Eindruck, den Betrachter von der eigenartigen Szene gewinnen.

Nutzer sprechen von einer „inszenierten ‚Truman Show‘ ..., um die Bevölkerung an der Nase herumzuführen“, so heißt es auf einem rechten Twitter-Account, der sich @mainstreamwatch nennt. Dieser setzt sich wie viele gleichlautende Kommentare von dem sogenannten Mainstream-Journalismus durch sogenannte alternative Fakten ab.

Rechte Blogger wittern Verschwörung der Medien und politische Heuchelei

Rechtsdrallige Blogger und Journalisten von Julian Reichelt bis Jan Fleischhauer stänkern seit Beginn der Klimaproteste gegen teilnehmende Aktivistinnen und Politikerinnen, wie die Grüne Nyke Slawik, deren Partei den Kohlekompromiss mit ausgehandelt hatte, die sich aber dennoch den Protesten dagegen angeschlossen hatte. Als „Heuchlerin“ wurde sie daraufhin von vorwiegend rechten Accounts beschimpft. Darüber macht sich das Satire-Medium Der Postillon lustig, nennt Thunberg ebenfalls „Heuchlerin! Greta Thunberg lässt sich von drei Polizisten tragen, statt mit dem Zug zu fahren“.

Bei all dem verlieren Beobachter leicht die Übersicht: Was ist wahr, was ist inszeniert? Das Anliegen der Klimaaktivisten, so viel steht fest, ist keine Show: Ein breiter Konsens der Wissenschaft stützt die Position von Fridays for Future, dass wir nicht genug gegen den Klimawandel unternehmen.

Habeck: Lützerath ist „das falsche Symbol“ – Polizei und Klimaaktivisten setzen sich vor der Presse ins rechte Licht

Aufschlussreich sind die Worte von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck: Lützerath sei „das falsche Symbol“, so seine Kritik der Klima-Proteste, die sich auch gegen die Politik seiner Regierung wenden. Es ging also nicht darum, die Abbaggerung von Lützerath zu verhindern, sondern ein bildhaftes Symbol für den Widerstand der Bewegung gegen diese Politik zu schaffen.

Die Bilder, die uns aus Lützerath erreicht hatten, sind in diesem Kontext zu verstehen – und dann haben die widrigen Umstände vor Ort, Kälte, Regen, Matsch, noch ein gutes Quäntchen dazu beigetragen, den Eindruck einer inszenierten Show zu verstärken. Geradezu slapstickartig torkelt eine Polizei-Hundertschaft im zähen Schlamm, verhohnepiepelt von einem als Mönch verkleideten Demonstranten.

Angesichts der vielen bezeugten Aggressionen gegen Polizeibeamte, allerdings auch glaubhaften und bezeugten Schilderungen von Übergriffen einzelner Polizisten klingen die Darstellungen beider Seiten, die sich gegenseitig beschuldigen, gleichermaßen unglaubwürdig. Die Außendarstellung beider Seiten wird von professionell besetzten Pressestellen übernommen, die die jeweils eigene Sicht mit den passenden Bildern für die Medien bereitstellen. Die Polizei zeigt sich entschlusskräftig, aber respektvoll, Greta Thunberg zeigt sich als Opfer, ist sich aber zugleich bewusst, dass sie Teil ihrer eigenen Inszenierung ist; das stellt letztlich alle Beteiligten in ein seltsames Licht, lenkt aber davon ab, das hinter den Protesten eine der größten Herausforderungen der Menschheit steht: der Klimawandel, der kommende Generationen weitaus härter treffen wird als uns, die erst dessen unheilvollen Anfänge erleben.