Gregor Gysi (Die Linke) spricht im Bundestag. dpa/Michael Kappeler

Bis zuletzt hat die Linke fast geschlossen zu Russland gehalten, doch der Ukraine-Krieg hat einen Keil durch die ohnehin angeschlagene Partei getrieben. Während einige Hardliner wie Sahra Wagenknecht unbeirrt die Schuld für Russlands Ukraine-Invasion beim Westen und der Nato suchen, hat der prominente Linken-Politiker Gregor Gysi seine Position gegenüber Russland revidiert. Er kritisiert den Ukraine-Krieg heftig und ruft nun offen zum Widerstand gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin auf – in russischer Sprache.

Auf Twitter, Facebook und Youtube wendet sich Gysi mit einem Appell direkt ans russische Volk: „Ich wende mich heute an Sie mit dem dringenden Appell, alles in Ihrer Kraft Stehende zu tun, um den Krieg, den Russland in Ihrem Namen in der Ukraine führt, zu beenden.“ Weiter heißt es: „Zeigen Sie Ihrer Regierung, dass dieser Krieg nicht im Namen der Menschen in Russland geführt wird und deshalb sofort beendet werden muss! Ich weiß, es ist in Russland deutlich schwerer, auf die Straße zu gehen und gegen den Krieg zu protestieren, als in Berlin.“

Gysi wendet sich gegen Putin: „Ächten Sie diesen Krieg“

Deshalb habe er umso größeren Respekt für alle, die das tun. „Millionen können nicht eingesperrt werden. Ich bitte Sie, ächten Sie diesen Krieg.“ Auf Twitter bittet Gysi um Nachsicht dafür, dass sein Schul-Russisch „ein bisschen rostig“ sei.

Die Aktion hat allerdings einen gewaltigen Haken: Keines der Netzwerke, auf denen das Video gepostet wurde, ist inzwischen in Russland noch frei zugänglich. Zuletzt hatte ein russisches Gericht Facebook und Instagram (wo Gysi das Video bis Dienstagnachmittag nicht gepostet hatte) verboten – wegen angeblich „extremistischer Aktivitäten“. Auf Telegram, das in Russland weiterhin genutzt werden kann, existiert ein Kanal „Gregor Gysi“ mit gerade einmal 371 Abonnenten, der offensichtlich nicht vom Linken-Politiker oder von dessen Team betrieben wird. So ist die Chance, dass russische Internetnutzer das Video zu sehen bekommen, denkbar gering.

75 Prozent der Russen stehen angeblich hinter Putins Ukraine-Invasion, doch stimmt das wirklich?

Noch unwahrscheinlicher ist, dass es irgendeine Änderung der öffentlichen Meinung in Russland bewirkt: Angeblich stehen 75 Prozent der russischen Bevölkerung hinter Putins Angriffskrieg. Ähnliche Zahlen werden auch von ukrainischen Quellen verbreitet. Analysten von der London School of Economics weisen allerdings darauf hin, dass diese von staatlichen russischen Instituten durchgeführten Umfragen kein belastbares Meinungsbild zeichnen: Da jede Kritik an Putin rigide verfolgt wird, antworten Befragte in der Regel das, was von ihnen erwartet wird.

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Dennoch glauben vor allem ältere Menschen der Kreml-Propaganda, weil ihnen objektive Informationen zum Krieg vorenthalten werden. Ukrainer mit Verwandten in Russland berichteten, diese seien tatsächlich davon überzeugt, Russland sei dabei, die Ukraine von Nazis zu befreien.