Freitagsgebet bei Ramallah. Die Plakate zeigen eine Mai Afaneh (28), die im Juni versucht hatte, israelische Soldaten zu überfahren und  mit einem Messer anzugreifen. Sie wurde erschossen, Israel gibt den Leichnam nicht heraus.    Foto: AP/Nasser Nasser

Mehr als ein Jahr nach dem gewaltsamen Tod seines Sohnes Ahmed wartet Mustafa Erakat immer noch auf dessen sterbliche Überreste. Der junge Mann war im Juni 2020 unter unklaren Umständen von israelischen Soldaten im besetzten Westjordanland erschossen worden. Der Fall der Familie ist einer von Dutzenden, in denen Israel die Leichname getöteter Palästinenser zurückhält. 

Die israelische Regierung will so potenzielle Attentäter abzuschrecken und ein Druckmittel behalten: Sie will  die Leichen gegen die Überreste zweier israelischer Soldaten austauschen, die sich in der Hand der radikalislamischen Hamas im Gazastreifen befinden.

Die Palästinenser sowie Menschenrechtler beklagen eine Form kollektiver Bestrafung, die den Hinterbliebenen zusätzliches Leid zufüge. „Sie haben kein Recht, meinen Sohn zu behalten, und es ist mein Recht, dass mein Sohn eine gute Beerdigung bekommt“, sagt Erakat.

Israel soll mindestens 82 tote Palästinenser zurückhalten

Nach Angaben der palästinensischen Menschenrechtsgruppe JLAC hält Israel die Leichname von mindestens 82 Palästinensern zurück, seit es 2015 mit dieser Praxis begonnen hat. Die Hamas bewahrt die beiden israelischen Soldaten, die 2014 im Gaza-Krieg getötet worden waren, an einem unbekannten Ort auf.

Ahmed Erakat war erschossen worden, nachdem er nach israelischer Darstellung absichtlich in einen militärischen Kontrollpunkt gerast war. Bilder einer Sicherheitskamera zeigen, wie ein Auto in eine Gruppe israelischer Soldaten fährt. Ahmed Erakat steigt aus und hebt eine Hand, bevor er von mehreren Schüssen getroffen wird.

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Seine Familie sagt, es habe sich um einen Unfall gehandelt. Sein Sohn habe den Kontrollposten auf dem Weg nach Bethlehem passiert, wo er sich Kleidung für die Hochzeit seiner Schwester habe kaufen wollen, erklärt der Vater.  

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch kritisiert, dass Israel in Fällen wie dem Ahmed Erakats „Leichen zu einem Faustpfand“ mache. Dieses Vorgehen bestrafe „vorsätzlich und rechtswidrig die Familien der Verstorbenen, denen keinerlei Fehlverhalten vorgeworfen wird“, sagt der für die Region zuständige Direktor der New Yorker Organisation, Omar Shakir.

1000 Palästinenser gegen einen Israeli ausgetauscht

Die Praxis, mit Feinden Gefangene und Tote auszutauschen, hat in Israel  Tradition. 2011 etwa setzte das Land mehr als 1000 palästinensische Häftlinge auf freien Fuß – im Gegenzug für die Freilassung eines israelischen Soldaten, der 2006 von palästinensischen Extremisten gefangengenommen und in Gaza-Stadt festgehalten worden war.

2008 holte Israel die gefallenen Soldaten Ehud Goldwasser und Eldad Regev im Austausch gegen 200 tote Libanesen und Palästinenser sowie fünf Gefangene aus dem Libanon. EPA/dpa/Atef Safadi

2008 wurden fünf libanesische Gefangene – darunter ein berüchtigter Extremist, der unter anderem ein israelisches Mädchen (4) ermordet hatte – sowie die Überreste von fast 200 bei Kämpfen getöteten Libanesen und Palästinensern gegen die Leichname zweier israelischer Soldaten getauscht. Sie waren 2006 von der libanesischen Hisbollah gefangen genommen worden und an ihren im Gefecht erlittenen Verwundungen gestorben.

Unter Vermittlung Ägyptens wird über eine ähnliche Vereinbarung verhandelt. Diese würde die Rückgabe der beiden in Gaza befindlichen toten Soldaten vorsehen sowie zweier israelischer Zivilisten, die vermutlich am Leben sind und von der Hamas in Gaza festgehalten werden.

In der Zwischenzeit müssen sich die Erakats und andere palästinensische Familien mit ihrem Anliegen an das oberste israelische Gericht wenden. Der Prozess ist mit mehreren Anhörungen verbunden und kann sich über Jahre hinziehen. Unter Berufung auf vertrauliche Informationen der Streitkräfte hatte das Gericht kürzlich ein Gesuch der Erakats auf eine Übergabe von Ahmeds Überresten abgewiesen. Mustafa Erakat will die Entscheidung anfechten.