Leer gefegt: das Brot-Regal in diesem Supermarkt in Manchester. imago/ZUMA Press

Was passiert, wenn sich ein hochansteckendes Virus in einem Land verbreitet und nicht mehr versucht wird, es aufzuhalten? England probiert gerade genau das aus und feiert seine neue Freiheit. Doch die bleibt schon jetzt nicht ohne Schattenseiten.

Das Experiment läuft. Nacht für Nacht wummern in den englischen Clubs die Bässe, auf Straßen und an den Stränden tummeln sich in der Sommerhitze die Menschen in großen Trauben, dicht an dicht. Selbst in der Londoner Hauptstadtblase aus Politik und Medien treffen sich die Leute wieder auf Partys. Nach der Aufhebung fast aller Corona-Regeln am Montag erlebt England seine erste Woche in Freiheit – und ein Fest für den Feind namens Delta.

Leere Regale im Supermarkt – es fehlen Angestellte zum Auffüllen wegen der Quarantäne-Regelung. AP/Matthew Cooper

Dass die hochansteckende Variante des Coronavirus die Infektionszahlen weiter in die Höhe schnellen lässt, wird so weit wie möglich ausgeblendet. „Wann, wenn nicht jetzt?“, ist Premier Boris Johnsons neue Freiheitsparole. Der Schutz der Impfungen werde das Schlimmste schon verhindern.

Dass die Sieben-Tage-Inzidenz in Großbritannien zuletzt auf 488 (Stand: 17. Juli) kletterte und Experten Tag für Tag trotz hoher Impfquote vor zahlreichen Todesopfern, Millionen Menschen mit Langzeitschäden und gefährlichen neuen Mutationen warnen – geschenkt.

Dass das Konzept der großen englischen Freiheit inmitten einer heftigen dritten Welle nicht so recht aufgehen will, zeigte sich bereits am ersten Tag: Nach einer Sitzung mit seinem infizierten Gesundheitsminister sprach Boris Johnson am großen „Freedom Day“ per Videoschalte aus der Quarantäne zu seinem Volk.

1,7 Millionen Menschen in Corona-Quarantäne

Mit diesem Schicksal ist er bei weitem nicht allein. Geschätzt müssen sich rund 1,7 Millionen Briten derzeit selbst isolieren, weil sie an Covid-19 erkrankt sind oder Kontakt zu Infizierten hatten. Dazu gehören mit dem Gesundheitsminister Sajid Javid und Finanzminister Rishi Sunak nicht nur weitere prominente Vertreter der Regierungsbank, sondern auch große Teile der Belegschaften von Supermärkten, Logistikfirmen, Pflegeeinrichtungen oder Müllabfuhren – also allen, die das Leben eigentlich am Laufen halten sollten.

Pubs schließen wegen Personalmangels

Während die Diskussion darüber, wer wann unter welchen Bedingungen in Quarantäne gehen muss, auf Hochtouren läuft, zeigt sich an allen Ecken und Enden, was es eigentlich bedeutet, wenn das Virus so viele in die eigenen vier Wände zwingt. Supermarktregale leeren sich und können nicht schnell genug wieder aufgefüllt werden. Mülltonnen bleiben voll vor der Tür stehen. Pubs müssen wieder schließen, weil niemand mehr hinter dem Zapfhahn steht.

Auch Premierminister Boris Johnson (l.) und Finanzminister Rishi Sunak mussten in Corona-Quarantäne.  dpa/Jonathan Brady

Ein hochansteckendes Virus durch das Land rauschen zu lassen und gleichzeitig so zu leben, als wäre nichts, das scheint allein schon aus logistischen Gründen fast unmöglich – wie sich bereits in den ersten Tagen des Großexperiments zeigt. Eiligst führte die Regierung daher zum Ende der Woche eine Ausnahmeregelung für Mitarbeiter im Lebensmittelhandel ein. Doch es gibt Zweifel daran, ob das ausreichen wird, die Engpässe zu vermeiden.

Wird es ein „Sommer des Chaos“ für England?

Wird es also ein „Sommer des Chaos“ für England, wie Oppositionsführer Keir Starmer vor kurzem warnte? Oder doch noch ein „Great British Summer“, wie ihn die regierenden Tory-Minister gern beschwören? In diesen heißen Juli-Tagen scheint beides fast parallel zu existieren.

Die 26-jährige Kelsey, die mit einer Freundin über einen Londoner Street-Food-Markt schlendert, macht sich bislang noch keine Sorgen – obwohl sie im Krankenhaus arbeitet und die Zahl der Fälle wieder steigt. „Vielleicht muss man der Realität in ein, zwei Wochen wieder ins Auge sehen. Aber jetzt noch nicht.“