Virologin Isabella Eckerle findet die Verzögerungstaktik der Länderchefs hinsichtlich härterer Corona-Maßnahmen gefährlich. Foto: AP

Experten und Politiker kritisieren massiv, dass Bund und Länder sich am Montag nicht auf neue Maßnahmen im Kampf gegen die Corona-Pandemie geeinigt haben. Beschlüsse über das weitere Vorgehen sollen erst in der kommenden Woche, am 25. November, gefasst werden.

Die Virologin Isabella Eckerle von der Universität Genf hält es für riskant, weitere Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus zurückzustellen. „Ein zögerliches Vorgehen beziehungsweise ein Abwarten in einer Pandemie ist meistens keine gute Idee“, sagte Eckerle nach den Beratungen von Bund und Ländern am späten Montagabend in den ARD-„Tagesthemen“. „Die Zahlen haben sich zwar verlangsamt, aber sie steigen immer noch an.“

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So lange die Entwicklung noch in die falsche Richtung gehe, sei klar, dass die Einschränkungen zumindest aufrechterhalten, wahrscheinlich aber verschärft werden müssten. „Wenn man die Infektionszahlen wirklich runter bekommen möchte, die Kliniken entlasten, in der Gesellschaft ein bisschen mehr Normalität haben möchte, dann wäre es besser gewesen, schon jetzt damit anzufangen“, betonte Eckerle. Sie verwies darauf, dass man die positiven Effekte von Einschränkungen erst mit Zeitverzögerung sehe. „Das ist sicher noch einmal ein bisschen Zeit, die man da verschenkt hat.“

Infektionen an Schulen zu wenig untersucht

Die Virologin kritisierte, dass es bis heute nur wenige Daten zum Infektionsgeschehen an den Schulen gebe. Dort habe man in der Pandemie bisher zu wenig hingeschaut. „Man hat sich lange auf Daten aus der ersten Jahreshälfte berufen, wo sich gezeigt hatte, dass die Kinder eine nicht so große Rolle spielen. Das hat sich jetzt aber geändert.“

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Klar sei, dass viele infizierte Kinder ein wenig ausgeprägtes Krankheitsbild oder gar keine Symptome zeigten. Klar sei aber auch: „Bei hohen Infektionszahlen wie im Moment hat man auch Infektionszahlen an den Schulen. Das spiegelt einfach das Gesamtgeschehen in der Bevölkerung wider.“

Amtsärzte: uns "steht das Wasser bis zum Hals"

Die deutschen Amtsärzte sind mit der Vertagung konkreter Corona-Beschlüsse von Bund und Ländern auf die kommende Woche unzufrieden. Sie könne einerseits nachvollziehen, "dass man versucht, mit Appellen weiterzukommen", sagte die Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärzte im öffentlichen Gesundheitswesen, Ute Teichert, am Dienstag im WDR. "Aber andererseits steht tatsächlich den Gesundheitsämtern das Wasser bis zum Hals."

"Wir schaffen es nicht mehr, die Kontaktpersonen nachzuverfolgen", sagte Teichert zur Lage der Gesundheitsämter. "Von daher wären einheitliche Beschlüsse für uns sehr hilfreich gewesen."

Teichert verwies hier insbesondere auf die Schulen. "Viele Lehrer und auch Eltern sind sehr verunsichert", sagte sie. "Hier wären klare Regeln gut gewesen, wie wir sie in anderen Bereichen ja auch schon haben."

Der Bund war in das Gespräch mit den Ländern am Montag zunächst mit dem Vorschlag gegangen, eine generelle Maskenpflicht in der Schule auch während des Unterrichts einzuführen und Klassen zu teilen, um mehr Abstand zu ermöglichen. Die Länder lehnten dies aber vorerst ab.

Was wir dort erleben als Showdown von Eitelkeiten, hilft niemandem."

Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Weltärztebundes

Scharfe Kritik an der Bund-Länder-Runde äußerte auch der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery. "Was wir dort erleben als Showdown von Eitelkeiten, hilft niemandem", sagte er im SWR. "Wir brauchen eine Einigkeit aller Demokraten und aller Menschen, die wirklich an der Gesundheit der Bevölkerung interessiert sind."

Ziel müsse es jetzt sein, auf das "wichtigste Pfund" zu setzen, nämlich die Bevölkerung mitzunehmen, forderte der Ärztefunktionär. "Was soll denn ein einfacher Bürger noch denken, wenn sich diese Damen und Herren streiten und sich auf nichts Vernünftiges einigen können."

Montgomery betonte zugleich die Eigenverantwortung der Bürgerinnen und Bürger. "Wir müssen vor allem Kontakte einschränken. Und das geht nur, wenn die Bevölkerung das selbst macht", sagte er. "Wir können nicht überall einen Polizisten hinstellen." Es bedürfe eines nationalen Ansatzes, um die Menschen zu überzeugen. Das gelinge aber nur, wenn sich die Politik in ihrer Meinung einig sei.

Lauterbach: „Es war eine verlorene Gelegenheit“

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kritisiert die Ergebnisse aus den Corona-Beratungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und den Ministerpräsidenten. «Es war eine verlorene Gelegenheit», sagte Lauterbach am Dienstag im Deutschlandfunk. Man verspiele mit dem Aufschub wertvolle Zeit. Die Beschlussvorlage sei vielversprechend gewesen, sagte der SPD-Politiker. Davon sei nur leider das meiste nicht beschlossen worden. Die Ergebnisse seien weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben.

Bund und Länder hatten ihre Entscheidung über das weitere Vorgehen in der Corona-Pandemie am Montag auf kommende Woche verschoben. Merkel sagte am Abend nach einer mehrstündigen Videokonferenz, die Länder hätten sich mehrheitlich gegen zusätzliche Rechtsänderungen zum jetzigen Zeitpunkt ausgesprochen. Am 25. November soll es weitere Beratungen geben.