SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach 

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hat auf die drohende Gefahr für das Gesundheitswesen durch die sogenannten Long-Covid-Erkrankungen aufmerksam gemacht. „Die Bedeutung wird dramatisch unterschätzt“, sagte Lauterbach der dpa.

Hälfte der Klinik-Patienten kann von Long-Covid betroffen sein

Von Long-Covid können Menschen betroffen sein, die eine Infektion mit dem Sars-CoV-2-Virus durchlitten haben und noch Monate später an mindestens einem Symptom leiden. „Es stellt sich immer stärker heraus, dass Covid-19 eine Erkrankung des gesamten Gefäß- und Immunsystems ist“, betonte Lauterbach. Von Long-Covid kann bis zur Hälfte der zuvor in Kliniken behandelten Patienten betroffen sein. Er bezog sich auf chinesische Studien der ersten Pandemie-Welle.

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Knapp 2,2 Millionen Menschen in Deutschland haben sich seit Anfang 2020 mit dem Sars-CoV-2-Virus infiziert, etwa 55.000 von ihnen starben. Knapp 1,9 Millionen gelten als geheilt. „Doch geheilt ist mitunter nicht gleich gesund“, sagt die Chefärztin der Median-Klinik in Heiligendamm, Jördis Frommhold. Bis zu 50 Prozent aller Klinik-Patienten leide unter Long-Covid.

Eine Studie aus China zeige nach schwerem Akutverlauf und ohne weitere Nachsorge, dass sogar bis zu 76 Prozent der vermeintlich Genesenen nach sechs Monaten unter Long-Covid-Symptomen leiden. Die Median-Klinik in Heiligendamm ist auf die Rehabilitation von Covid-19-Patienten spezialisiert, seit April 2020 wurden rund 350 Patienten behandelt.

Jördis Frommhold ist Chefärztin der Median-Klinik, die auf die Rehabilitation von Covid-19-Patienten spezialisiert ist. Foto: dpa/Bernd Wüstneck

Frommhold befürchtet, dass diese Menschen aus dem Blick der Öffentlichkeit und der Politik geraten und letztlich ihrem Schicksal überlassen werden. „Das kann sich zu einem volkswirtschaftlichen Problem entwickeln.“ Denn viele dieser Patienten standen zuvor mit beiden Beinen fest im Leben und der Arbeitswelt.

Genesene sind trotzdem nicht arbeitsfähig

Zu den Symptomen gehören chronische Müdigkeit oder Abgeschlagenheit. Dazu kämen zunehmend auch neurologische Einschränkungen. Es könnten sich zudem psychosomatisch bedingte Krankheiten entwickeln.

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„Die Patienten waren dynamisch und leistungsstark. Obwohl sie als genesen gelten, sind sie nicht arbeitsfähig und nicht in ihr bisheriges Leben integriert“, sagte Frommhold. Sie könnten so in eine Negativspirale geraten. Viele Betroffene berichteten, mit ihren Problemen selbst bei öffentlichen Anlaufstellen nicht ernst genommen zu werden.

„Patienten mit der Long-Covid-Problematik können behandelt werden“, betonte Frommhold. Es sei aber fraglich, ob die frühere Leistungsfähigkeit zu 100 Prozent erreicht werde. Inzwischen gebe es auch an einigen Universitätskliniken Anlaufstationen, außerdem haben sich Selbsthilfegruppen gebildet.