Jean-Luc Mélenchon will Frankreichs Ministerpräsident werden. AFP/Thomas Coex

Wer dieser Tage als Tourist nach Frankreich kommt, wird kaum bemerken, dass das Nachbarland unmittelbar vor der Parlamentswahl steht. Dabei geht es den Franzosen kaum anders, denn der leidenschaftslos geführte Wahlkampf steigert das ohnehin grassierende Desinteresse. Weniger als 50 Prozent wollen am Sonntag wählen. Dabei könnte der Sieg eines Linksbündnisses die französischen Finanzen ins Wanken bringen und die EU gleich mit.

Der Linke Jean-Luc Mélenchon von der Partei „Unbeugsames Frankreich“, bei der Präsidentschaftswahl als Drittplatzierter ausgeschieden (der Liberale Emmanuel Macron wurde am 24. April in der Stichwahl im Amt bestätigt), konnte danach die zersplitterte Linke mit Sozialisten, Grünen und Kommunisten einen.

Linke Parlaments-Mehrheit und linker Premier können Macron das Leben schwer machen

Er will Premierminister werden, falls das Linksbündnis gewinnt, und zusammen mit einer linken Mehrheit in der Nationalversammlung dem von der Verfassung mit viel Macht ausgestatteten Präsidenten auf die Füße treten.

Nachdem Europa vor einem Sieg der EU-feindlichen Rechtsaußen-Politikerin Marine Le Pen bei der Präsidentschaftswahl gezittert hatte, will Mélenchons Bündnis die EU von links angreifen: EU-Verträge und Regeln sollten, falls das Linksbündnis eine Parlamentsmehrheit erzielt, nicht mehr respektiert werden, „wenn sie im Widerspruch zu der vom Volk legitimierten Umsetzung unseres Programms stehen“. Dem haben die schwer gebeutelten Sozialisten, die eigentlich dagegen waren, auch zugestimmt.

Große Versprechungen für Frankreich, auf Pump finanziert

Der Stabilitätspakt gegen übermäßige Staatsverschuldung und die Defizitregeln sollten aufgehoben werden, um  Versprechungen umsetzen zu können: Anhebung des Mindestlohns von 1100 auf 1500 Euro,  Mindestrente von 1500 Euro nach voller Berufstätigkeit, ein Senken des Rentenalters von 62 auf 60 Jahre sowie Investitionen in  Wohnungsbau und  Gesundheitswesen. Das Steuersystem soll „gerechter“ werden, Mieten sollen gedeckelt oder gesenkt werden.

Der Ausgang der Wahl am 12. und 19. Juni ist ungewiss: Umfragen sehen Mélenchons Bündnis im Aufwind.

Frankreichs Präsident Macron ignoriert Mélenchon demonstrativ

Gleichzeitig trifft der gerne mal pöbelnde Linke (Tweet: „Maul zu, Frau Merkel“), der bemüht ist, Schwung in den Wahlkampf zu bringen,  mit seinen Hieben ins Leere. Macron scheint öffentlich kaum einen Gedanken an die Abstimmung zu verschwenden und lässt seinen Kontrahenten so auflaufen. Am Ende wird die Mobilisierung den Ausschlag geben, und vielleicht die Tradition: Wähler haben sich in der Vergangenheit meist für die Parteien entschieden, die den kurz vorher gewählten Präsidenten unterstützten.

Und so gehen Meinungsforschungsinstitute davon aus, dass Macrons Lager die Mehrheit im Parlament wieder holt, wenn die 577 Sitze in der Nationalversammlung nach einem komplizierten Mehrheitswahlrecht verteilt sind: Ins Gewicht fallen für die Verteilung am Ende nur die Stimmen für den Gewinner im jeweiligen Stimmbezirk.