Bundeskanzler Helmut Kohl gratuliert im Dezember 1991 seiner neugewählten Stellvertreterin, der ehemaligen Frauenministerin Angela Merkel. dpa/Michael Jung

Es ist die Zeit der Krisen und nicht des Feierns: Genau 75 Jahre nach ihrem „Berliner Gründungsaufruf“ vom 26. Juni 1945 ringt die CDU wieder einmal heftig um ihre Zukunftsfähigkeit. Viel wird vom neuen Vorsitzenden abhängen, heiße er nun Friedrich Merz, Armin Laschet oder Norbert Röttgen. In welche Richtung steuern die Christdemokraten - und was kann die Volkspartei aus ihrer turbulenten Geschichte in die Zukunft mitnehmen?

Auf alle Fälle wird es ein Umbruch sein, wenn die CDU wohl im Dezember nach 18 Jahren Angela Merkel und einem zweijährigen Intermezzo von Annegret Kramp-Karrenbauer einen neuen Chef wählt. Der Neue muss sich des Erbes aus 75 Jahren würdig erweisen. Denn die CDU-Historie ist mit großen Namen verbunden: Konrad Adenauer, erster Kanzler und erster Parteichef, von 1950 bis 1966. Er lenkte die CDU durch die Zeit von Wiederaufbau, Kaltem Krieg und Westbindung. Dann Helmut Kohl, Kanzler der Einheit, Vorsitzender von 1973 bis nach der Wahl 1998.

Das Ende der Ära Kohl zählt zu den Tiefpunkten der Partei. Der Patriarch meinte, nach 25 Jahren an der CDU-Spitze und 16 Jahren Kanzlerschaft, für sich eine Ausnahme vom Gesetz beanspruchen zu können. 1999 räumte er ein, über Jahre Spenden an die CDU von über zwei Millionen D-Mark verschwiegen zu haben. Kohl lehnte es ab, Namen von Spendern zu nennen, weil er ihnen sein „Ehrenwort“ gegeben habe. 

Merkel trickst sich an die Macht

Die damalige Generalsekretärin Merkel rief am 22. Dezember 1999 in einem legendären FAZ-Gastbeitrag die CDU auf, sich vom Patriarchen zu lösen. Mit dem Partei- und Fraktionschef Wolfgang Schäuble hatte sie das nicht abgesprochen. Der war selbst in den Strudel der Spendenaffäre geraten. Schäuble trat Anfang 2000 zurück. Merkel nutzte die Gunst der Stunde.

Angela Merkel, erste Frau und erster „Ossi“ im Chef-Amt, öffnete die CDU noch stärker zur politischen Mitte. Kritiker warfen ihr vor, sie habe die Konservativen vergessen. Den Vorsitz musste sie am Ende wegen anhaltend schlechter Umfragewerte räumen. Viele geben ihr die Schuld an der Flüchtlingskrise, dem Erstarken der AfD. Möglich, dass Merkel als Krisenkanzlerin in die Geschichte eingeht: Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Corona-Krise.

Nach den CDU-Epochen langer Kanzlerschaften folgten immer kurze Zwischenspiele im Vorsitzendenamt: Mit Ludwig Erhard, Kurt-Georg Kiesinger und Rainer Barzel waren es nach Adenauer drei Chefs binnen acht Jahren. Schäuble hielt sich nicht mal anderthalb Jahre. Wie lange der nächste Chef und mögliche Kanzlerkandidat an der CDU-Spitze stehen wird, ist nicht absehbar. 

Kurs der Mitte oder knallhart konservativ?

Die Corona-Krise bringt der Union aktuell Umfragewerte wie lange nicht mehr - bis zu 40 Prozent. Doch in der Parteizentrale sind sie sich einig: Die guten Werte sind eine Momentaufnahme. Bis zur Bundestagswahl 2021 dürften sie wieder sinken. Will die CDU als Volkspartei überleben, muss der neue Chef Einigkeit stiften - in der  Partei und im Land. Er muss die CDU jünger und weiblicher machen, attraktiver für Großstädter. Oder sollte er den Kurs der konservativen Werteunion verfolgen - und verlorene Wähler von der AfD zurückholen? Der Streit ist groß.

Ex-Bundestagspräsident Norbert Lammert sagt: „Ansehen und Erfolg einer Volkspartei hängen ganz wesentlich von ihrer Fähigkeit ab, übergreifend zu integrieren.“ In 75 Jahren sei dies der CDU so gut gelungen wie keiner anderen Partei. Sie sei getragen von einer Idee - für alle in der Mitte der Gesellschaft offenzustehen. (mit dpa)